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Chimborazo-Gipfel Cotopaxi-Krater

Abseits der Straße der Vulkane - Bergsteigen in Equador

Es ist kurz nach 16 Uhr. Sonnenüberflutet im kontrastreichen rötlichen Licht der tiefstehenden Januarsonne unter mir die winterlich verschneiten Gipfel und Grate eines der schönsten Gebirge dieser Erde, die Alpen. Dort das Zuckerhütl, die Tribulaune. Auf der anderen Seite die Zinnen der Dolomiten. Ein Gebirge, dass für viele die in der Natur unterwegs sein wollen alles bietet, was das Herz begehrt und doch zieht es mich immer mal wieder in ferne Länder, zu fremden Menschen, Kulturen und den hohen Bergen.

So auch zur Adventszeit des Jahres 2002. Der Jahresurlaub stand noch bevor und als Test für den geplanten 8000er im Sommer sollte es vorher noch einmal zu besagten, hohen Bergen gehen. Was liegt zu dieser Jahreszeit näher als die südl. Halbkugel, insbesondere Südamerika mit seinen 6000ern. Gerade der Norden des Kontinents bietet zu dieser Jahreszeit brauchbare Wetterbedingungen. Zu zweit wollen wir Berge in Equador besteigen. Sie erfordern keine expeditionsmäßige Vorbereitung, können vor allem schnell und problemlos organisiert werden und sind von Quito der Hautstadt gut erreichbar. Ein hoher Weihnachtsbaum steht in der Empfangshalle des Nürnberger Flughafens als wir uns in den sonnigen Süden verabschieden. Über Amsterdam geht es direkt in die Karibik (Antillen) und weiter bis Quito. Die 2 Millionen Einwohner zählende Metropole liegt auf 2800m im innerandinen Hochland. Wir nutzen die Zeit Quito zu entdecken, mindestens 2-3 Tage zu akklimatisieren und wichtige Ausrüstung, insbesondere Gaskartuschen, zu kaufen.

Neben dem bekannten Pichincha der einen prächtigen Ausblick auf Quito bietet, gibt es einige andere Berge in der Umgebung der Hauptstadt, die weniger besucht werden. Der Pichincha zählt wie viele Vulkanberge zu den aktiven Feuerspeiern. Erst 1999 war er zum letzten mal ausgebrochen und hat mit seinem Ascheregen den Verkehr in ganz Quito lahmgelegt.
Die aktivsten Vulkane Tungurahua, Cotopaxi und Sangay werden darüberhinaus permanent überwacht. Ihre Aktivität wird mit einer mehrstufigen farbigen Gefahrenskala öffentlich bekannt gegeben.

Unsere nächsten Ziele liegen im Norden des Landes. Als erstes wollen wir den 4621m hohen Imbambura besteigen. Er hat eine wahrlich mytologische Bedeutung für die Indios dieser Region. "Imba" heisst soviel wie "geschwängert" , während "bura" gleichbedeutend mit Mutter oder Erzieherin ist.
Geologisch gilt er als ein seit mehreren Jahrtausenden erloschener Stratovulkan. Wir haben ausgesprochenes Wetterglück in dieser ersten Woche in den Bergen. Mit der "Casa Aida" finden wir in La Esperanza eine ruhige und preiswerte Herberge mit idyllischem Garten. Die sympatische Besitzerin bereitet auf Wunsch schmackhafte Speisen des Landes.
Frühzeitig brechen wir zum Imbambura auf. Fast 1800 Hm sind zu überwinden und bei herrlichem Sonnenschein erreichen wir den Kraterrand. Doch sehr schnell bilden sich unter starker Erwärmung Qellwolken.Am Gipfel stehen wir bereits in Wolken. Nachdem ich Abstiege nicht mag, versuche ich oft, sie möglichst schnell hinter mich zu bringen. Fernes Blitzen und Donnergrollen lassen die Schritte nochmals kürzer und schneller werden. Als wir die Fahrstraße erreichen schüttet es aus allen Kannen, die verfügbar waren.

Am nächsten Tag geht es über die alte aussichtsreiche Inkastraße über Zuleta und Olmeda nach Cayambe. Ein einsames, kaum befahrenes Sträßchen durch fruchtbares Hochland. Das wir ab Zuleta sogar per Anhalter weiterkommen ist reiner Zufall. Selten habe ich auf einer LKW Pritsche dermaßen viel Staub geschluckt. Der Zahnbelag hat bereits grobkörnige Gestalt angenommen, es knirscht. Wo kommt bloss dieser verrückte Staub her, gestern hat es doch erst mächtig geschüttet.
Bevor wir uns den Cayambe aus nächster Nähe anschauen und ihm aufs Haupt steigen, gönnen wir uns in gleichnamigen Städtchen einen Ruhetag. Für 25$ chartern wir eine Camioneta und lassen uns möglichst weit in Richtung Refugio Ruales bringen, wo wir für zwei Nächte Quartier beziehen. Der Cayambe ist der höchste und einzige vergletscherte Berg der Welt der direkt auf der "linea eqinoccial" (Äquatorlinie) steht. Er ist der dritthöchste Berg des Landes und von Nordamerika. Der Engländer Edward Wymper gilt als Erstbesteiger im Jahr 1880. Eine Besteigung ist wegen des spaltenreichen Gletschers nicht ungefährlich. Nun, wer selbst schon in Spalten hing, weiß dies zu werten.
An der Hütte treffen wir einen Deutschen mit Bergführer, die wir schon aus La Esperanza kennen. Sie werden morgen zum Gipfel gehen. Wir entscheiden uns wetterabhängig erst für den darauffolgenden Tag und das war gut so. Allein und vom sonnigen, windarmen Wetter begleitet besteigen wir den Cayambe. Die 50grd steile, blankeisbedeckte Gipfelspalte wird für uns zum Hindernis. Mit nur zwei Eisschrauben wollen wir hier kein Risiko eingehen und verzichten auf den wenige Meter entfernten Hauptgipfel. Das wir an diesem Tag tatsächlich noch bis nach Quito hinunterkommen war wiederum vom Zufall bestimmt. Unser bestellter PKW ist jedenfalls um 15Uhr nicht am vereinbarten Ort. Wir satteln die Rucksäcke und laufen den Fahrweg Richtung Cayambe hinunter. Ca. 30 km sind es bis dort. Dies wird ein langer Weg. Nach 21/2 Std. beginnt es zu dämmern. Ja, so langsam sollten wir uns um einen geeigneten Biwakplatz kümmern. Ein Gewitter kündigt sich ebenfalls an. Eine kleine Kapelle, ein leerstehendes neues Haus, ein Viehstall... was nehmen wir? Da, auf einmal Motorenlärm hinter uns. Ein mit Jugendlichen vollbesetzter Bus nähert sich mit aufgeblendeten Scheinwerfern. Wir halten die Daumen raus, der Bus stoppt, nimmt uns auf. Die Schülerinnen und Schüler hatten einen Ausflug von Quito zum Cayambe-Nationalpark unternommen. So gelangen wir ohne weitere Hindernisse noch an diesem Abend bis Quito.

Die nächsten zwei Wochen locken die bekannte Ziele im Süden des Landes wie Cotopaxi, Illiniza und Chimborazo. Das Wetter wird leider recht unbeständig. Schneefall in den Hochlagen und oft Regen in den Tälern. Ein gelungenes Geburtstagsgeschenk wird mir am 1.Weihnachtsfeiertag zuteil. Gegen Mittag stehen wir allein auf dem 6310m hohen Chimborazo.

Angst und Schrecken dann im Zustieg zum Illiniza. Ein schweres Gewitter lehrt uns, die wahren Gefahren der Berge einzuschätzen.
Wieder einmal bin ich in die Tiefen der Natur eingetaucht, möglichst in der Einsam- oder Zweisamkeit. Kein Rummel, kein Handy, kein Streß. Besinnen auf das Wesentliche, aufs Leben und manchmal auch aufs Überleben.

Christian Funke, im Frühjahr 2003

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Cayambe-Aufstieg Lilie am Weg



Stand: 02.02.2006