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The Nose - Extremkletterei in Yosemite

Als ich Schüler in der dritten Klasse war, hatte ich folgende Idee: man könnte doch zum Klassenzimmerfenster hinausklettern (3. Stock), am Sims entlangqueren, und dann zum anderen, 2 m entfernten Fenster wieder hereinklettern. Je öfters ich an die Sache denken mußte, desto stärker schlug mein Puls, meine Hände wurden feucht, es schien zum Zwang zu werden.
An diesem Gefühl hat sich nicht viel verändert, dachte ich mir, als ich 1994 am Fuße des El Capitan, dem größten Granitmonolith der Welt, im Yosemite Valley in Kalifornien, stand. Die feuchten Hände waren wieder da, Herzklopfen und Angst. Angst vor dem eigenen Mut, vor Mißerfolg, gar Angst vor dem Tod, vielleicht? Und kein Buch von einem Rainhard Karl oder sonstwem, kein Foto, kein Poster kann dieses Gefühl erzeugen das man hat wenn man vor dieser Wand steht. 1000 m vom Wandfuß bis zum Ende, anfangs geneigt, dann senkrecht und nach oben hin leicht überhängend, "slightly overhanging" wie im Führer steht. Eine Granitwüste. Ein Traumziel für die meisten Kletterer, trotz schlechter Absicherung (traditional climbing), trotz der Aussicht 3-5 Tage in der Wand zu verbringen, obwohl unzähliges Material mitgenommen werden muß, trotz größter Ausgesetztheit, oder vielleicht gerade deswegen? Damals (1994) war die Angst noch zu groß, die Ausreden (zu wenig Ausrüstung, keine Zeit, etc.) zu zahlreich, aber der Keim setzte sich fest. Da mußt Du irgendwann hoch. Sommer 97 war irgendwann.
Am 8. Juli 1997 flogen Stefan und ich nach New York, wo wir etwas Weltstadtluft schnupperten. Nach 4 Tagen Hektik, Wolkenkratzern, Moderner Kunst, Broadway, Hot Dogs und Bagels gings dann weiter nach San Francisco. Und im Flugzeug konnte ich tatsächlich den El Capitan sehen. Greifbar nahe, wunderschön, ganz markant auch die Licht-Schatten-Grenze zwischen Ost- und Westwand, die Kante, besser bekannt als "Nose". Und wieder wurde ich ganz kribbelig, ich mußte meiner Sitznachbarin gleich alles von diesem Fels erzählen, das man da hochklettern kann, muß. In ihren Augen las ich jedoch nur seltsames Staunen vor diesem aufgeregten Deutschen, höflichkeitshalber sagt sie aber doch ab und zu "Really" und "Sounds great". Nach zwei weiteren Tagen im, wie immer windigen San Francisco, gings dann per Greyhound Bus ins heißersehnte "Valley". Und das war, auch wie immer, voller Touristen, meist Durchreisende, die höchstens ein bis zwei Nächte dableiben und dann weiter nach Nationalparcs jagen, mitnehmen was geht.
Etwas anderes sieht es am Sunnyside Campground (Camp 4)aus. Hier wimmelt es von Kletterern aus aller Welt. Sie kommen aus Norwegen, Australien, Argentinien, Korea, Spanien oder auch aus der Südstadt und haben meist ein Ziel: einen "Big-Wall". Und von solchen "großen Wänden" hat das Valley einige zu bieten. El Cap, Half Dome und Washington Column sind die bekanntesten. Und in diesen Wänden gibt es mittlerweile sehr viele, meist recht schwierige, Routen. Wir hatten uns unseren Big-Wall bereits ausgesucht, natürlich die markante "Nose". Sie ist eine der längsten Routen am El Capitan, aber interessanterweise auch fast der leichteste "Wall" an diesem Klotz. Was heißt leicht? 5.11/a2, Grade 6. (Mittlerweile frei von Lynn Hill: 5.13a). 5.11 heißt: man sollte schon mal im 8.ten Grad geklettert sein, A2 ist die Bewertung der technischen Kletterei, will heißen man sollte Leitern dabeihaben, viele viele Klemmkeile, Friends, vielleicht auch Haken. Grade 6 meint, es könnte ziemlich lang dauern, so 2 bis 6 Tage ungefähr. Bleibt zu sagen, daß die Lynn, das Tier, das Ganze an einem Tag, und zwar ohne Leitern usw., also frei (free) geklettert ist. Respekt, Respekt, was für eine Frau.
Ursprünglich hatten wir geplant zuerst einige kurze (5-10 Seillängen) Touren zu machen und dann gleich die Nose. Einige Kletterer im Camp 4 empfohlen uns aber mit einem leichteren "Big-Wall" zu beginnen. Also starteten wir mit der North-West Regular Route am Half Dome (5.11/a1/Grade 6). Einziger Nachteil daran: der Zustieg, ca. 15 km weit und mehr als 1000 Höhenmeter hoch. Und das im kalifornischen Hochsommer, mit 40-50 kg Gepäck. Da soll noch einer sagen Sportkletterer seien fußkrank und gehfaul. Naja so richtig Sportklettern ist das ja auch nicht. Du hängst mit Deiner Leiter in einem 3 mm starken, nicht sehr vertrauenserweckenden Klemmkeil, stellst Dich möglichst in die letzte Stufe und fingerst möglichst hoch über Dir mit dem nächsten "piece" in einem windigen, sich nach außen öffnenden (Offwidth) Riß rum. Das Ganze ist sch...anstrengend. Es ist übelste Überkopfarbeit. Wird normalerweise sehr gut bezahlt. Unser Lohn waren 2 Dosen mit leckeren Sachen (Beef stew und als Nachtisch Fruit cocktail) und Schlaf. Wenn mich hinterher die Leute fragen, ob man da oben gut schlafen würde, in der Höhe und Ausgesetztheit, so sage ich nur, daß ich mir nach 12-16 Stunden technischer, nervenzehrender Kletterei nichts schöneres vorstellen kann als Schlaf, egal wie und wo.
Nach 2 Tagen Rissen, Verschneidungen, Kaminen, Kriechbändern und Hakenleitern hatten wir den ersten Wall in der Tasche. Und entgegen der Befürchtung, jetzt keine Lust auf weiteres zu haben, so waren wir sehr motiviert für die Nose.
Nach einigen Tagen Erholung und Stärkung (z.B. all-you-can-eat-buffets) begannen wir mit den Vorbereitungen. Man muß schließlich einiges mitnehmen. Ich versuch mal alles aufzuzählen: 25 l Wasser, abgefüllt in 1-5l-Flaschen, 3 Seile, Gurte, Helme, Kletterschuhe, Turnschuhe, Regensachen, Biwaksack,Isomatten, Schlafsäcke, Stirnlampen, ca. 25 Friends, 30 Klemmkeile, 18 Expreßschlingen, 10 Karabiner, 10 Schraubkarabiner, 1 Satz Mikroklemmkeile, 5 lange und 5 kurze Schlingen, 4 Steigklemmen (Jümars), 4 Leitern, 4 Daisy-chains, 1 Wall-Hauler, 1 Ersatzrolle, 2 Abseilachter (nur für den SuperGAU), 4 kg Büchsen, 2 kg Obst, ? kg Brot, Erdnußbutter, das meiste entweder am Gurt hängend oder in den verhaßten (Dreck-) Sack, so called Haulbag. Die Leitern und Daisy-chains braucht man zum technischen Klettern einerseits, in Verbindung mit den Jümars zum Hinterhersteigen am Seil. Der Wall-Hauler ist eine Umlenkrolle mit Rücklaufsperre, mit der man den Sack (40 kg) hinterher zieht, via Body-Hauling, d.h. man (sofern man ein Spund ist) hängt sich mit dem ganzen Körpergewicht an die andere Seite des Seils, an dem der Sack hängt, und zieht und zieht und zieht, 40 cm weise, 30-55 m Seil.
Am 27.07.1997, 4 Uhr 30 ist es soweit. Ich wage mich wieder aus dem Fenster. Eintrag ins Tagebuch: ,Es geht los. Nochmal Kaffee kochen, Blaubeermuffin essen, starten. Geil, ich freu mich, hab nur ein bißchen Angst. Das wird schon.Es ist ruhig, als wir die fixierten ersten vier Seillängen hochjümarn. Am sickle ledge wartet unser Haulbag, den wir bereits am Vortag hochgezogen haben. Er ist noch schwerer als am Half-Dome. Stefan beginnt mit der ersten Seillänge, eine Querung nach rechts in einen ansteigenden Rißkamin. Kletterei ist noch relativ leicht. Schwieriger ist das Haulen, das Hinterherziehen des Sacks, schwierig wegen der Querung. Anschließend kommt die erste schwierigere Seillänge mit anschließendem Pendelquergang in einen weiteren Riß, der wieder zum Kamin wird. Da wirds dann für mich als Nachsteiger kompliziert. Nachdem der Haulbag mit dem Haulseil zu Stefan befördert worden ist, darf ich bis zum Pendelkarabiner hochsteigen, muß dann an dem Karabiner mit dem dritten Seil schräg nach rechts unten abseilen, bis ich 20 m unter Stefan hänge, jetzt muß ich das dritte Seil abziehen und aufnehmen, dabei aber aufpassen, das sich das Seil an dem ich hänge, nicht in den Rissen unter mir verheddert. Und ausgesetzt ist es auch schon, 200 m über dem Boden. Als ich endlich bei Stefan bin, darf er weiter. In einen sich verjüngenden Riß, den "Burner" mit 5.9 (UIAA 6) hat das herzlich wenig zu tun. Stefan ist dann auch etwas aufgeregt bei dem nächsten Pendelquergang in den "Stoveleg-crack", einen ca. 150 m langen Faust- bis Handriß, kaum abgesichert. Stefan schwingt sich also rüber und versucht im Umkehrpunkt den Camelot Nr. 4, größter Friend den wir dabeihaben, in den Riß zu schieben. Es gelingt. Dann muß er sich, möglichst ohne eine Sicherung zu legen, nach oben arbeiten. Er darf deswegen nichts legen, weil sonst nach dem Pendler ein richtiges Z im Seilverlauf entstehen würde, mit einer enormen Seilreibung. Also arbeitet er sich mit zwei Friends, die er abwechselnd höherschiebt technisch nach oben. Das nennt man im Valley ,leapfrogging", kommt von Laubfrosch. Wohlgemerkt, der Riß ist mit der Schwierigkeit 5.10 angegeben, soll also ,nur" sieben sein, für uns fränkische fun-Kletterer und Neuner-Aspiranten eigentlich kein Problem. Nur ist das nicht die Fränkische, in der man sich, im freien Oberkörper, leicht behängt mit 6 Expreßschlingen am Super-light Gurt, an der Bewegung des eigenen Körpers erfreut. Nein, Stefan ist behängt mit 10-15 kg Zusatzlast, es ist weit und breit kein Bühlerhaken in Sicht, man klettert nicht an Fingerlöchern sondern ein glatter Riß reckt einem seine glatten "Backen" entgegen, es gilt zu klemmen. Also müssen wir technisch klettern, d.h. Friend in den Riß, Leiter in den Friend, Fuß in die oberste Stufe der Leiter, Faust in dem Riß verklemmen, nächster Friend in den Riß, möglichst weit oberhalb, ... usw. Zurück zur Nose. Stefan arbeitet sich also den ,Stoveleg" hoch. Standplätze bestehen meist aus Friends und Keilen, manchmal garniert mit einem alten geschlagenem Haken, eher selten sind Bohrhaken, und wenn, dann z.T. vorchristlichen Datums. Am Ende der "Stovelegs" können wir kurz auf dem "Dolt-Tower" verschnaufen, 2 qm ebene Erholung in dieser vertikalen Steinwüste. Es ist bereits 3 Uhr nachmittags. Nun bin ich dran mit Vorsteigen. D.h. zuerst werd ich 10 m abgelassen, um in einen Schulterrriß zu gelangen. Es folgen 3 eigentlich leichte, aber doch anstrengende Seillängen. Vor allem heißt es wieder "leapfroggen" mit den beiden größten Friends, die wir haben, d.h. auch 20-30 m klettern ohne Sicherung legen. Der leapfrog (Laubfrosch) würde also ganz schön weit fliegen. Es folgt dann noch eine leichte Seillänge (5.7), eine der beiden, die ich wirklich frei-klettern kann. Um sieben Uhr p.m. stehen wir auf unserem Tagesziel, dem El Cap Tower. Ein 2 m mal 6 m großer, absolut ebener Biwakplatz. Mir ist nicht ganz verständlich, warum die beiden Amerikaner, die bereits da sind, ein portaledge, ein Big-Wall Bett dabeihaben. Aber man muß ja nicht alles verstehen. Auf alle Fälle sind Dan und Jon sehr freundlich, sie sind bereit uns tags drauf an ihrem bereits gelegten Fixseil überholen zu lassen. Das ist auch sinnvoll, da sie etwas langsamer als wir sind. (Und wir waren wirklich nicht schnell). Am Ende werden sie 5! Tage brauchen (Wir 3). Die Jungs haben sich auch etwas mit dem Wasser verkalkuliert, nach zwei Tagen haben sie noch 12 l für die verbleibenden 3 Tage, wir haben noch 20 l für 2 Tage. Wir überlassen ihnen also 6 l Wasser. Dann richten wir uns für die Nacht ein. Endlich das ganze Material vom Gurt abnehmen, hinsetzen, hinlegen, angegurtet versteht sich. Abendessen. Kalte Ravioli und Ananas aus der Dose, zum Trinken Wasser. Naja. Um 4 Uhr 30 piept der Wecker. Es geht weiter. Am Fixseil der beiden Jungs auf den Texas Flake Tower, eine Riesenschuppe, die ca. 1,50 m vom Fels wegsteht. Dahinter ein lieblicher Kamin, der uns dank Dan und Jon erspart bleibt. Von da geht die erste technisch sehr anspruchsvolle Seillänge entlang einer vorsintflutlichen Bohrhakenleiter in einen Fingerriß, Schwierigkeitsgrad 5.11 (Acht), der auf das Boot Flake führt. Boot flake hat aus der Ferne betrachtet die Form eines Stiefels, oben ist sie ungefähr 3 m breit und 40 cm stark. Der optimale Platz für unseren Morgensch.... Unten stehen massig Leute und beobachten die Kletterer, teilweise mit Teleskopen, tja was solls. Von Intimsphäre ist nicht mehr viel übrig. ,Stefan, reich mir doch mal das Klopapier, Danke, machst Du schon mal den "Tube" auf, Bah das stinkt vielleicht. Als korrekte Kletterer haben wir ein Rohr dabei, in dem unsere nichtverwerteten Verdauungsreste zwischengelagert werden. Früher hat man in Tüten gemacht und diese dann runtergeschmissen. Das ist, warum auch immer, verboten. Obwohl ich ja schon gern wissen wollte, wie mir hier ein National Parc Ranger einen Strafzettel verpassen will. Nach dem Boot Flake folgt der gefürchtete King Swing, ein 25 m Pendler. Ich lasse Stefan 25 m in die schwarze Tiefe ab, etwas mulmig ist uns beiden. Dann beginnt Stefan zu pendeln, Hin und Her und Her und Hin, ich muß fast lachen, aber er hat null Erfolg. Immer wenn er fast an der Kante ist, die es zu greifen gilt, die aber sehr stumpf ist, hat er noch so viel Schwung, das er sich nicht festhalten kann, es geht dann mit Karacho zurück. Also Leute, wenn Ihr mal den King Swing macht, dann schleicht leise und langsam am Granit entlang, ohne viel Schwung, nur mit den Füssen gegen den Fels, auf Reibung. Fast genauso abenteuerlich ist das Haulen des Sacks, bzw. mein Schräg-Abseilen zu Stefan. Danach folgt wieder ein 5.10a Handriß, 50 m unter ein kleines Dach. Unter diesem Dach ist der abenteuerlichste Stand, an dem ich je gehangen habe. Dieses Dach ist ein kleiner Block, der irgendwie an dem Fels klebt, und in dem Spalt zwischen Block und Massiv stecken, und zwar senkrecht nach oben geschlagen, 2 V-Profil Haken, so als wollte man mit ihnen endgültig den Block wegsprengen. Stefan legt in genau diesen Spalt zwischen Block und Wand noch 2 Friends für unseren Stand. Als ich am Stand ankomme fehlen mir ziemlich die Worte. Also schicke ich Stoßgebete nach oben, während Stefan weiterklettert. Ich bin auf alle Fälle sehr erleichtert als ich den Stand verlasse. Es folgt ein kleiner Pendler, dann eine lange Querung nach links, schließlich noch 10 m nach oben zum Camp 4. Camp 4 ist ein Biwakplatz für zwei Personen, den wir aber nicht nehmen wollen, unser Tagesziel liegt 4 Seillängen über uns, das Camp 5. Nach einer Regenpause von einer Stunde (Ja, von wegen it never rains in California) bin ich wieder dran mit vorsteigen. Ich klettere tatsächlich eine Seillänge (5.9) frei, dann kommt das Beste was ich jemals geklettert bin. Das Great Roof. Ein Fingerriß, der immer dünner wird und dann in einem Rechtsbogen unter ein Riesendach waagerecht nach rechts zu dem Stand führt. Kaum gesichert, d.h. ich packe unsere ,kleinsten" aus, Mikrokeile aus Messing, ab und zu einen Rock 1 oder 0, und natürlich unsere Aliens. Das sind unsere Joker. Es sind kleine flexible Friends, die sogar in alte Hakenlöcher passen. An der Schlüsselstelle muß ich mich in den allerkleinsten Klemmkeil hängen, er ist ca 2 mm breit und klemmt dann zwischen zwei Quarzkörnern. Das ist also A2, was bitte ist dann A4 oder gar A5. Und absolut unbegreiflich ist mir, wie Lynn Hill (als erster und einziger Mensch) diese Stelle frei klettern konnte. Ich kann nicht mal die Fingernägel in diesen Riß stecken. Die letzten Meter zum Stand bin ich bereits voller Euphorie. Vielleicht liegts am ausgeschütteten Adrenalin, ich könnte jubeln, zumal am Stand ein nagelneuer Bohrhaken auf mich wartet. Er ist riesig und es stehn 5000 kN drauf. Es macht mir nun nichts mehr aus mich rauszulehnen und Stefan zuzujubeln "Stand". Jetzt spüre ich auch, daß wir es schaffen werden. Es liegt aber noch einiges vor uns. Und erst einige Stunden zuvor sind hier zwei Koreaner abgeseilt, einer von den beiden hatte sich bei einem Sturz verletzt. Nach dem Great Roof folgt Pancake Flake, eine wunderschöne dünne Schuppe, die ich gern im Klettergarten hätte, um sie hochzutänzeln, hier muß ich wieder meine Leitern auspacken. Langsam wird es auch dämmrig und wir müssen noch eine Seillänge klettern zum ersehnten Camp 5. Sicherheitshalber setze ich die Stirnlampe auf und steige in die mieseste Seillänge meiner Kletterkarriere ein. Es kommt ein Offwidth-Riß, ein sich nach außen öffnender Riß, in dem nur ganz weit hinten etwas zu legen ist. Ich stecke also mit dem halben Körper in dem kaminartigen Riß und versuche ganz hinten irgendwelche Sicherungen zu legen, im Dunkeln. Zumindest merkt man die Tiefe nicht im Dunkeln. Immerhin sind wir bereits 700 m über festem Boden.
Ab und zu fragt Stefan nach wie es wohl ausschaun würde da oben, ich schicke jedoch nur einige zerknirschten Bemerkungen nach unten. Um 22 Uhr bin ich dann endlich am Stand. Meine Kehle ist total ausgetrocknet, ich hab kein Wasser bei mir und muß nun den Sack hinterherziehen, das ist noch anstrengender als klettern. Da fällt mir mein Jolly Rancher ein, das in meiner Brusttasche steckt. Empfohlen von John Middendorf in seinem Buch "How to climb Big-Walls". Das ist ein Fruchtbonbon, es gibt sie in mehreren Geschmacksrichtungen, auf alle Fälle kriegt man damit den trockenen Hals weg. Dann sind wir endlich am Camp 5. Es ist das schlechteste Biwak für uns im Valley. Der Platz ist etwas wenig für zwei und es geht ein bißchen bergab. Aber wir schlafen trotzdem wie Steine.
Der dritte Morgen ist grausam. Mir tut einfach alles weh, vor allem die Finger. Aber wir wollen, müssen weiter. Stefan steigt zwei schwere Seillängen vor, Fingerrisse, dann sind wir am Camp 6, ein schöner, großer Biwakplatz. Ich genieße wieder kurz das Gefühl festen Bodens unter den Füssen, mal stehen und nicht hängen. Stefan nimmt nun die zweite sehr schwere Seillänge der Nose in Angriff. Ebenfalls A2, ebenfalls von Lynn Hill mit 10 (frei) bewertet. Es handelt sich um eine rechtwinklige Verschneidung, in der es absolut keine Griffe gibt. Stefan braucht sehr lange. Plötzlich sagt er: "Ich glaub ich komm nicht weiter." Haha, was ein Witz. Wir befinden uns in Seillänge 28, es fehlen nur noch 6 Seillängen, ich will sowas überhaupt nicht hören. Also sage ich nur sowas wie ,ja Stefan, ist ja gut, es wird schon, schau doch noch mal. Und er schaute und fand was. Irgendwie schafft er es. Ich folge zu einem absolut exponierten Stand. Langsam wird die Wand leicht überhängend, wie erwartet. Und wir hängen nur noch in unseren Gurten und Trittschlingen. Es folgen noch 3 Seillängen schwere Rißkletterei, dann stehen wir vor der voraussichtlich letzten Seillänge. Ich werde langsam ungeduldig beim sichern, ich will raus aus der Wand. Stefan sieht noch erstaunlich frisch aus, als er sich die Bohrhakenleiter hocharbeitet. Dann ist er aus meiner Sicht. Und zum ersten Mal kann ich ihn auch nicht hören. Aber ich weiß genau wann er Stand hat. Er beginnt an dem Haulseil zu ziehen, ich löse den Sack. Er schwingt 10 m raus. Hoffentlich verheddert er sich nirgends, ich hab keine Lust hier, 1000m über dem Boden, 10 m aus der Wand zu schwingen. Aber es klappt. Stefan zieht den Sack hoch, während ich am Seil nachsteige. Die letzten Meter, ich kann es nicht fassen. Dann kommt endlich die Kante, um die ich noch muß, da seh ich Stefan entspannt sitzen, ich lass einen Schrei los. Wir haben sie, die ,Nose". Nach dreieinhalb Tagen, 34 Seillängen, 70 Stunden haben wir in der Wand verbracht. Es folgen noch 8 Meilen Abstieg vom El Capitan. Es ist mittlerweile Nacht und ich trage diesen Sack auf dem Rücken. Selbst der Bär dem wir begegnen ist nur noch Nebensache. Ich will etwas essen und dann schlafen. Als wir endlich wieder am Campingplatz sind, ist es dann wirklich vollbracht. Unsere Freunde erwarten uns schon. Irgendwie ist es dann schon ein gutes Gefühl von der Tour zu erzählen, von den haarigen Situationen, wie weggewischt sind die Momente, in denen man sich gefragt hat, ob man es überhaupt schafft, in denen man die Hosen buchstäblich voll hatte, wo man sich gefragt hat, "Warum mach ich das überhaupt?"
Und es gab sicher auch Momente in denen ich ganz sicher war sowas nie wieder zu machen, wie damals als ich zum ersten Mal aufs Fenstersims gestiegen bin, in der Schule. Und bereits wenige Stunden nachdem wir es geschafft haben, reden wir schon ganz vage von anderen Sachen. Ja die Nose war ja ganz nett, aber mal so richtig was schweres, so A3 oder A4, das ,Shield" zum Beispiel, das wär doch was. Ich merke wie ich wieder feuchte Handflächen kriege, wie ich langsam auf das Fenster zugehe.

RALF HAVELKA


Stand: 10.01.2006