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baruntse01 eine Expedition ins winterliche Nepal,

mit dramatischen Ereignissen, abenteuerlichen Erlebnissen, Zeit zum Leben besser zum Überleben !

Und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen eine Expedition, die sich von allem abhebt was ich bei den letzten Fahrten erfahren, gelernt und erfolg reich eingesetzt habe. Diesmal eben nicht. Vom Mut zur Umkehr, bis zur möglichen Katastrophe. Das Alles geht unter die Haut und vor allem an die Substanz. Doch wir waren nicht zum Scheitern verurteilt. Mit einer Portion Ausdauer und der notwendigen inneren Ruhe konnten wir viele Hindernisse erfolgreich überwinden.

Eines hätte mir vielleicht zu denken geben sollen, die völlig reibungslose Anreise nach Lukla, unserem Ausgangspunkt in Nepal. So glatt läuft keine Expedition. Bis hierher keine Verluste an Expeditionsausrüstung, das voraus geschickte Material war zuverlässig an Ort und Stelle, keine Probleme beim Zoll und Ministerium, die Gipfelgenehmigungen in der Tasche, alle Seesäcke und Handgepäck vorhanden. Dies alles nach zwei Tagen Reisezeit, damit hatte ich nicht gerechnet. Umso besser ist bei allen die Stimmumg. Einen Tag in Kathmandu, trotz Generalstreik organisieren und Wichtiges erledigen und am nächsten Morgen geht es bei leidlichem Sichtflugwetter weiter nach Osten, entlang der höchsten Gebirgskette unseres Planeten, in die grünen Berge um Lukla. Bis auf 20 Gaskartuschen für den Einsatz im Hochlager und 200m Fixseil fliegt die gesamte Ausrüstung mit, dafür löhnen wir 250 US$ an die königliche Nepal Airlines. Der zweimotorige Flieger für 12 Personen plus allem Expeditionsgepäck trägt uns in gut einer Stunde zum geplanten Ausgangsort des Unternehmens. Watte für die Ohren, damit nicht gleich jeder spannt wenn ein Motor ausfällt, ein Bonbon als Notration, ein Blick zu rück und der Pilot schiebt die Gashebel nach vorn. Ein paar Turbulenzen sorgen für entspanntes Sitzen auf den kleinen Bänken, wenn es durch die Wolkenbänke hindurchgeht. Zielsicher findet der Pilot das Seitental in dem Lukla liegt. Im Anflug auf die kurze Piste von Lukla. Verdammt kurz schaut sie aus dieser Position aus. Der Pilot rutscht doch auffällig auf seinem Sitz hin und her. Möglichst nah an der Hangkante den Flieger auf setzen und dann voll in die Eisen. Spätestens an der Felsmauer am Ende der Piste ist eh Schluß. Flugzeugwracks sprechen eine deutliche Sprache, wir wollten es ja so.

Unsere Träger warten bereits am Rand der Piste. Bald ist alle Ausrüstung auf irgendwelchen menschlichen Rücken verteilt und los geht es in die nepalische Fußgängerzone hinein. Außer Yaks und ein paar Eseln gibt es keine weiteren Benutzer dieser riesigen Fußgängerzone. Lukla, auf 2850m gelegen, wird für die nächsten zwei Tage unser Standort sein. Hier beginnt unsere Höhenakklimatisation. Mit kurzen Ausflügen auf die umliegenden Berge intensivieren wir diesen Prozeß noch.

Drei Tage später sind wir zu unserem Ziel unterwegs. Mit vorerst 15 Trägern wird die gesamte Ausrüstung von ca. 400 kg transportiert. Fünf Seesäcke sind in unserer Lodge in Lukla zurückgelassen worden. Sie sollen später nachgeholt werden. Unsere komplette Hochlagerausrüstung wie Zelte, Fixseile, Schaufeln, Sauerstoff, Nahrungsmittel etc. sind davon betroffen. Unsere relativ kleine Expeditionstruppe kommt gut voran, obwohl die Träger gewaltig aufgeladen haben. Mit etwa 30-40 kg am Rücken leisten diese Ureinwohner des Himalaya gewaltiges. An die Höhe und das Laufen gewöhnt, hat Pasang mit seinen besten Trägern eine gute Wahl getroffen. Ohne sie ist ein derartiges Vorhaben im abgesteckten Zeitrahmen als Gruppe nicht zu bewältigen.

Wir wandern durch Rhododendronwälder hinauf. Reißende, wilde Bäche müssen gequert werden. Mancher von uns läßt sich zu einem kühlen Bad hinreißen, andere quittieren dies mit Kopfschütteln. Hauptsache es macht Spaß. Ab ca. 3900m lichten sich die Wälder. Sträucher und Gräser dominieren das Bild, gekrönt von den schneebedeckten Berggipfeln. Davon sehen wir anfangs jedoch herzlich wenig. Spätesten ab 10 Uhr ziehen dichte Wolkenmassen von Süden in die Gebirgstäler und nebeln uns vollständig ein.
Niederschläge bleiben uns vorerst erspart. Über einen 4500m hohen Pass geht es hinüber und abwärts ins Hinkutal. Weiter unten wird aus dem Weg ein Pfad. Wegen eines Moränenbruchs 1997 wurde mit einer gewaltigen Flutwelle das obere Hinkutal mit Fels- und Schuttmassen überschwemmt und der übliche Weg durchs Flussbett unpassierbar verlegt. So wird jedes Jahr aufs neue ein Pfad durch den urwaldähnlichen Berhang hinuter zum Fluß gesucht und getrampelt. Ein anstrengendes, mühsames Unterfangen für die Träger. Nach vier Tagen erreichen wir Tangnag.

Kurz vor Tangnag treffe ich auf eine Bergbauernhütte(Lodge). Pasang sitzt drinnen und winkt mich in das Dunkel der Hütte. Auf einer Bank sitzen einige unserer Träger und trinken Tee. Pasang lädt mich zu einem zucksüßen Milchtee ein, wir plaudern über das Hinkutal. Draußen schneit es leicht. Vor dem offenen Feuer stehen die Thermoskannen mit verschiedenen heißen Getränken. Die Bäuerin ist bedacht darauf, die Kannen immer wieder aufzufüllen. Geschickt hantiert sie mit Töpfen und Kesseln am offenen Feuer. Ein Familienfoto ist fast obligatorisch, schade, daß ich keine Polaroidkamera dabei habe und ihnen gleich eine Aufnahme schenken kann.

Die kommende Nacht verbringen wir auf 4350m Höhe, unsere bisher höchste Schlafhöhe. Ein Reuhetag ist dringend nötig. Pasang möchte einen Teil unseres Materials morgen bis zum 5400m hohen Mera-Pass tragen lassen. Wir protestieren, das ist viel zu weit. Außerdem ist ungewiß, wann wir dort ankommen. Wir benötigen dringend noch etwas Zeit für die Höhenanpassung.
Die größte Gefahr eines Lungen- oder Gehirnödems besteht zwischen 4000 und 6000 Metern. Wer hier zu schnell vorangeht riskiert sein Leben. Dann hilft nur noch der Drucksack, Sauerstoff oder Nitroglyzerin. Außerdem wollen wir fit im Basislager ankommen. Jede Erkrankung beim Anmarsch zehrt an der Substanz. Abends kommt unser Sirdar Pasang zu uns, er hat wieder starke Schmerzen von seinen Hämorrhoiden und blutet aus dem Enddarm. Eine offene Trombose, ein Fall zum Operieren. Bernd, unser Arzt, hat alles dabei, doch Pasang möchte es jetzt noch nicht. Bernd verschreibt ihm ein sehr starkes Schmerzmittel, mehr kann er im Augenblick nicht ausrichten.
Drei Tage später bauen wir unsere Zelte knapp unterhalb vom Mera-La auf. "La" heißt Pass auf nepali. Ein Teil unserer Ausrüstung lagert bereits weiter drunten Richtung Hunkutal.

Tagebucheintrag 17.10.:
Nur eine kleine Küche bleibt heroben am Pass. Um 14Uhr erreiche ich die schon aufgebauten Zelte, knapp jenseits vom Pass. Mir reicht es für heute. Ich verkrieche mich im Zelt, das leider im Schmelzwasser auf den Felsen steht. Für eine Nacht wird es wohl reichen, hoffentlich.

Morgen wollen einige unserer Gruppe den Mera-Peak (6468m) versuchen. Um vier Uhr wird geweckt. Unsere Küche ist bereits auf den Beinen und die Kerosin kocher surren im dunkel der Nacht. Gegen 5 Uhr startet die erste Dreiergruppe hinauf zum Mera-La und weiter Richtung Gipfel. Kurze Zeit später folgt die zweite Dreiergruppe. Wegen meiner starken Bronchitis verzichte ich heute auf einen Gang zum Gipfel. Schonung ist oberstes Gebot. Außer mir bleibt nur Heinz im Lager zurück. Um 8 Uhr fängt es an zu schneien, die Sicht wird per manent schlechter. Mit den Kameraden war ausgemacht, daß wir am Vormittag das Lager auflösen und es weiter in Richtung Hunkutal verschieben. Nachdem unsere Sherpas nicht zum Aufbruch drängen, bleiben auch Heinz und ich noch vor Ort. Zum Glück, wie sich später herausstellt. Es schneit ununterbrochen weiter. Es wird so gegen 10 Uhr sein, da taucht im dichten Schneetreiben unerwartet der Bernd auf. Als er ruft: Christian, schnell den Drucksack und einen Helikopter arlamieren, wird mir klar was Sache ist.
Lungen- oder Hirnödem !! Rasches handeln ist jedenfalls angesagt. Der Umgang mit dem "certec-bag" ist mir von früheren Expeditionen bekannt, Leider haben wir den Umgang damit in den vergangenen Tagen noch nicht geübt. Heinz ist inzwischen auch zur Stelle und geht mir helfend zur Hand. Den Sack im Zelt von Bernd und Josef auf der Isomatte ausbreiten, Bernd hineinlegen und möglichst schnell mit dem Aufpumpen beginnen. Plötzlich ein dumpfer Knall, die Reißverschlußnaht der Außenhülle ist im Kopfbereich aufgeplatzt, vermutlich war der Verschluß nicht bis zum Ende zugezogen.
Der innere, eigentliche Überdrucksack droht jetzt wie ein Luftballon zu zerplatzen. Wir müssen noch einmal vorsichtig die Luft ablassen und die betroffenen 20cm mit Rucksackriemchen notdürfig flicken, damit der Reißverschluß nicht weiter aufreißt. Auf ein Neues, wieder wird kräftig gepumpt. Diesmal scheint alles zu halten. Bald wird der Innendruck dem Bernd zu groß. Die Ohren schmerzen, wegen seiner verschleimten Atemwege kann er den Über druck nur schlecht ausgleichen. Wir hören eintsweilen mit dem Pumpen auf. Bernd liegt jetzt auf einer Höhe von etwa 4000m und kann sich ganz langsam erholen.
Nach fünf bis zehn Minuten müssen wir etwas Luft ablassen, um frischen Sauerstoff in den Sack zu pumpen. Inzwischen kamen die Kameraden vom Berg zurück. Sie waren nicht am Gipfel. Unterwegs treffen sie auf eine höhenkranke Frau, die sofortige Hilfe benötigt. Auch sie wird in einen "certeg-bag" gesteckt und muß dann mühsam, schnellstens in tiefere Regionen abtransportiert werden. Diese Bergrettung kostet alle Kraft und Zeit der Kameraden. Als sie in unser Lager zurückkehren und von Bernds Lage erfahren sind sie sichtlich betroffen.

Tagebucheintrag 18.10.:
Das Wetter verschlechtert sich permanent. Über sechs Stunden bleibt Bernd im Drucksack. Die Nacht versucht Bernd ohne Sack auszukommen, Josef ist bei ihm im Zelt. Für alle die bessere Lösung. An einen Ortswechsel ist heute auf keinen Fall mehr zu denken. Abends sitzen wir im Meßzelt zusammen und schlürfen heiße Suppe. Bernd bekommt alles ins Zelt serviert. Ein Tag, der den Expeditionsverlauf entscheident verändert hat.

Es schneit und schneit, den ganzen nächsten Tag und eine weitere Nacht. Diese Nacht brechen drei Zelte zusammen. Betroffen sind Heinz, Walter, Pasang und das Küchenzelt. Unter diesen Bedingungen können wir nicht länger hier oben bleiben. Unsere Lawinenschaufeln liegen leider bereits am nächsten Lagerplatz, hier hätten wir sie jetzt dringend gebraucht.
Die Natur hat uns die Entscheidung abgenommen, schnellstmöglich fluchtartiger Rückzug ins Hinkutal, trotz Lawinengefahr. Jeder packt seine lebensnotwendige Ausrüstung zusammen, alles andere bleibt zurück.
Wie wird Bernd das überstehen ? Heute geht es ihm wieder schlechter. Durch teilweise hüfthohen Schnee treten wir unsere Spur zurück zum Mera-La hinauf, weiter den nicht endenwollenden Gletscher hinüber und steil hinunter nach Khare. Am späten Nachmittag trifft unsere Gruppe unversehrt dort ein. Wir erfahren, daß ein Küchenjunge einer anderen Gruppe an Erschöpfung gestorben ist. Nein, der Preis ist zu hoch.

Wir müssen weiter nach Tangnag, dort gibt es ein Satellitentelefon, um endlich den Rettungshubschrauber zu alarmieren. Es ist Nacht, als wir dort eintreffen. Bernd und Heinz, dem es auch nicht gut geht, werden morgen aus geflogen, wenn die Wetterverhältnisse es erlauben.

Was wird aus dem kranken Pasang ? Was wird aus unserer nur mehr sechsköpfigen Expeditionsgruppe ? Nur wer gesund und fit ins Basislager kommt, hat eine Chance auf den Gipfel. Abbruch des Unternehmens ? Haben wir die Kraft und den Mut neu anzusetzen ? Werden unsere nepalischen Begleiter uns weiter unterstützen ? Seid Ihr durch die Ausschnitte aus meinem Tagebuch neugierig geworden ?

Für mich bedeutet "Expedition" nicht nur das Besteigen eines Berges. Da gibt es eine lange Planung und Vorbereitung, geistig wie körperlich. Die Ankunft in einem fremden Land, das Verhandeln mit Behörden, Begegnungen mit anderen Menschen, Kulturen und Lebensweisen.


Christian Funke, Januar 2000

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Stand: 09.01.2006