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Skiexpedition Mustagh Ata (7546 m) - China 1996

Einen Siebentausender mit Skiern besteigen, das wär doch mal was. So dachten wir 1989 schon. Doch die zuständige, chinesische Behörde rückte unser Ansinnen gleich in den Bereich von Traum und Phantasie. Damals zu dritt ein für uns nicht finanzierbares Unterfangen. Etwa das dreifache dessen, was heute der Spaß kostet. Damit waren die Pläne vorerst aufs Eis gelegt. Wir durften weiter träumen.

Andere Ziele mußten herhalten, die bekanntlich gerade dem Bergsteiger nie ausgehen. Als Armin letztes Jahr einen neuen Anlauf nahm, waren die Preise für eine Besteigung des Mustagh Ata zwischenzeitlich gesenkt worden und es interessierten sich immerhin zehn Kameraden für eine Teilnahme an dieser Expedition. Das sollte reichen einen Versuch zu starten. Die grobe Planung konnte anlaufen. Informationen sammeln, Kontakte knüpfen, Pläne erstellen verwerfen Alternativen suchen und wieder von vorn anfangen. Elf Monate blieben Zeit bis zum geplanten Abflugterimin, um Genehmigungen, Visa, Angebote etc., etc. einzuholen. Unsere Bittgänge, die Suche nach Sponsoren und Unterstützung durch großzügige Firmen gestaltet sich zunehmend schwieriger, wenn keine spektakulären, werbe- oder medienwirksame Unternehmungen und Erfolge zu erwarten oder bekannte Namen damit verbunden sind. Trotzdem ist es uns als bergsteigerische "Nobodies" gelungen, die eine oder andere Tür aufzustoßen, um den Expeditionsetat etwas aufzubessern. Großverdiener mit sechsstelligem Jahresgehalt ist schließlich keiner von uns. Im Dezember 1995 steht mit Ute, Fritz, Walter, Armin und mir dann auch die endgültige Teilnehmerliste fest. Von den ursprünglich zehn Interessenten sind nurmehr fünf übriggeblieben. Eine fast optimale Gruppengröße für die geplante Fahrt. Jetzt kann die Detailplanung beginnen. Dem Zufall wollen wir so wenig wie möglich überlassen, denn Überraschungen wird es wohl genügend geben. Die An- und Abreise zum Berg organisieren,Tickets buchen, Versicherungen abschließen, der Medizincheck, die Impfungen, die Verpflegung, Material und Ausrüstung komplettieren Briefe schreiben, "Faxen" machen. Mehr als 200 Blatt Papier verlassen unsere Schreibtische. Manchmal hektisch, manchmal entspannend der ganze Vorbereitungs- und Papierkram.
Parallel zur organisatorischen und geistigen läuft die körperliche Vorbereitung. Was nutzt letztlich der beste Geist wenn das Fleisch schwach ist. Alle zwei bis drei Wochen sind wir in den Alpen unterwegs. Von Palavicinirinne über Tödi bis zur Überschreitung von Dufourspitze und acht weiteren Viertausendern spannen sich die alpinen Fahrten unseres Vor bereitungsprogramm. Die Zeit zerrinnt sichtlich wie Sand zwischen den Fingern. Noch liegt ein Berg von Arbeit vor mir, anstatt der ersehnte, rund 7000 km entfernte. Die Tage vor der Abreise sind vom Packen der Seesäcke und dem Optimieren des Gepäck gewichts bestimmt. Rund 300 kg müssen irgendwie händelbar verstaut werden.

3.8., der Wecker klingelt, ein letztes kräftiges europäisches Frühstück. Um 8 Uhr ist Treffpunkt in Nürnberg Hauptbahnhof. Wir finden uns schnell zusammen. Der größte Haufen Gepäck am Bahnsteig kann nur zu unserer Gruppe gehören. Insgesamt 28 Gepäckstücke und fünf Personen. Bis auf Walter.. er fehlt. Er hat bei der Anreise mit der S-Bahn schon erste Probleme und wechselt notgedrungen aufs Taxi über. Oh je, wenn das so weiter geht. Pünktlich zur Abfahrt erreicht er den Bahnsteig und es kann wirklich losgehen. Ein letztes Gruppenfoto vor dem Plakat der Grußpostkarte. Ein kurzer, aber herzlicher Abschied von den Daheimbleibenden. "Auf Wiedersehen", hoffentlich nicht im Leichenschauhaus denke ich, denn gesund wollen alle wieder Heimkommen. Der IC setzt sich in Bewegung. Unsere Gepäckstücke samt Skier sind Über den Großraumwagen verteilt und das zu Beginn der Ferienreisezeit. An die fragenden Blicke der Reisenden "wollen die auswandern?", haben wir uns bald gewöhnt. Das Verladen des Gepäcks in Frankfurt/ Flughafen verläuft wie im Drehbuch: Ein Seesack raus, ein neuer Reisender rein. Er kommt nicht weit, stolpert, denn da stehen schon wieder Seesäcke oder Skier oder Rucksücke oder Taschen. Küstlich, ich frage mich nur: Wie lange hat der Zug hier eigentlich Aufenthalt, wir wollten doch nach Pakistan. Mit Geduld und dem notwendigen Einsatz liegt bald alles Gepäck am Bahnsteig. Ein prüfender Blick, alles o.k.? Gestählt und mit langen Armen, arbeiten wir uns bis zur Gepäckabfertigung im Flughafen vor. Am Schalter der Fluggesellschaft PIA(please inform Allah) kontrollieren wir unser Gepäck. Dabei fällt der Ute auf, daß ihre beiden Rucksäcke (Handgepäck) wohl fehlen. Ungläubige Blicke kreisen über dem Gepäck, kurzzeitig herrscht Totenstille. Der Adrenalinspiegel steigt, panikartige Reaktionen können gerade noch verhindert werden. Vom Abbruch des Unternehmens bis zur Neueinkleidung in Frankfurts City reicht die Gedankenskala. Drei Stunden Zeit bis zum Abflugtermin haben wir noch. Es sollte doch möglich sein mit modernsten Kommunikationstechniken, wie Zugfunk und Telefon, die Rucksäcke zurück nach Frankfurt zu ordern. Weder in Mainz noch in Koblenz schaffte es das Bahnpersonal die Säcke aus dem Zug zu bekommen. Noch heute liegen sie in irgendeinem Bahndepot und warten auf ihre Abholerin. Die Nahrungsmittel dürften inzwischen kompostartige Beschaffenheit aufweisen, Fazit: Spätestens wenn Bergsteiger unterwegs sind, sollten sie mit dem Träumen aufhören. Für unsere "Traumfrau" ein bitterer Start zum Berg unserer Träume.

Bei einem letzten Bier für die nächsten Tage, no alcoholics in Pakistan, kommt es zur ersten Krisensitzung im Frankfurter Flughafen mit dem Ergebnis alles Notwendige für die Ute in Pakistan zu beschaffen. Unser Flug wird aufgerufen, Paßkontrolle. Unser Auftritt in der sperrigen Bergsteigerbekleidung mit den klobigen Plastikstiefeln löst beim security-check nervöse Reaktionen aus. Schuhe ausziehen, der Flughafen steht kurz vor dem Bombenalarm. Unser restliches Waffenarsenal, wie Pickel, Steigeisen, Taschenmesser etc. hatten wir in den Seesäcken verstaut, so blieben uns weitere Diskussionen erspart. Mit 45 Minuten Verspätung hebt der "Jumbo" ab. Endlich nach sechseinhalb Stunden heißt es auf einmal: "Ladies and Gentleman... Islamabad international airport, local time 11.30 pm ... thank you". Wir werden in unsere erste pakistanische Nacht entlassen. Paß- und Zollkontrollen, no problem. Where are you from? - Oh, German, very good. Mit lautem "hello" werden wir am Ausgang des Flug hafens von einem Mitarbeiter unseres Agenten empfangen. 35 Grad Lufttemperatur und um die 70 Prozent Luftfeuchte schlagen uns erdrückend entgegen "schweißnaß" erreichen wir das Hotel"Akbar". Mit einer kalten Dusche beenden wir den ersten Saunagang.
Nun sind wir tatsächlich auf dem Weg zu unserem Ziel. Sieben Tage später werden wir vor ihm stehen, siebzehn Tage später werden wir es erreichen und nochmal dreizehn Tage später kehren wir zurück. Immer wieder läuft das Abenteuer "Mustagh Ata" vor mir ab, aber es ist nicht mehr Wirklichkeit, sondern Vergangenheit. Jetzt muß ich einen Weg zurück in unsere Wirklichkeit finden, nicht für Tage sondern auf Dauer. Die Analyse unserer Tour war präzise und exakt. Die Ausführung wurde fast zur Fotokopie unserer Planungen.

Der nächste Tag, brodelnde feuchtheiße Luftmassen über der Stadt, beginnt mit einer Rundfahrt durch Rawalpindi und der Retortenstadt Islamabad, seit 1965 Regierungssitz und Hauptstadt Pakistans. Eine merkwürdige Mischung aus Betonfassaden und orientalischem Markt. Eine Stadt zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Armut und Hoffnung. Die Wirklichkeit dieses islamischen Vielvölkerstaates wird jedoch an allen Ecken und Enden zurechtgerückt. Scheinbar rastloses, von ständigem Gehupe der Autos begleitetes Treiben kombiniert mit Zielstrebigkeit gibt allem einen Hauch vom organisierten Chaos. Anschließend kehren wir in das historisch gewachsene Rawalpindi, 15 km von Islamabad entfernt, mit seiner jahrhunder telangen alten Tradition, zurück. Eine Vielzahl von Basaren mit orientalischer Atmosphäre lok ken zum neugierigen Verweilen. Wir stürzen uns ins Gassengewirr, nehmen Anteil am bunten, hektischen Geschehen. Unser Proviant wird um wichtige Dinge wie Tee, Kaffee, Milchpulver, Zucker etc. ergänzt. Für Ute müssen wir nach einem geeigneten Rucksack und Überbekleidung suchen. Zwei Stunden später, sind wir schweißgebadet, triefen wie ein Lappen. Wir geben auf, flüchten in die klimatisierten Räume des Hotels.

China ist weit, der "Vater der Eisberge" noch weiter. Sechs Tagesreisen und fast 1100 km Landweg trennen uns noch von ihm. Unser Weg dorthin führt entlang der 1978 fertiggestellten, als "Karakorum Highway" (kurz KKH) bezeichneten Straße über den Khunjerab-Paß nach Kashgar in Westchina. Sie ist die westlichste der drei großen Transhimalaya-Verbindungen, neben der von Nepal nach Tibet und von Ladakh nach Kaschmir.
Seit zehn Jahren ist diese Straße auch für den Transit-Tourismus nach China freigegeben. Nach wie vor kommt der Straße hauptsächlich militärische Bedeutung zu. Waffen für Afghanistan, für den militärisch besetzten Teil Kashmirs im Norden Pakistans rollen jetzt über die Asphaltpiste neben der alten Seidenstraße. Wir sind in friedlicher Mission hier, nutzen die Möglichkeit Menschen unterschiedlichster ethnischer und religiöser Zugehörigkeit kennen zulemen, Naturschönheiten zu bewundern. Erlebtes und Gesehenes schaffen Verständnis, aber auch neue Konflikte, die dazu beitragen die Lebensgewohnheiten der Gebirgsvölker in einer der entlegensten Weltgegenden nachhaltig zu verändern. Auf den Spuren Marco Polos und Alexander des Großen werden wir mit den Annalen der Geschichte konfrontiert.

Wir durchqueren ein Gebiet, das zu den geologisch aktivsten dieser Welt zählt. Hier, zwischen Himalya, Karakorum und Hindu Kush stoßen die asiatische und die indische Platte aufeinander und verändern permanent das Landschaftsbild. Die Berggipfel wachsen immer noch um fast einen Zentimeter pro Jahr. Ständiger Begleiter auf der Fahrt nach Norden der Indus, der in Tibet an den Hängen des heiligen Berges Kailash entspringt. Über die mit saftigem Grün bedeckten Vorberge des Himalaya führt unserweg in die karge, herbe, lebensfeindliche Hochgebirgswüste des Karakorum, vorbei am deutschen Schicksalsberg "Nanga Parbat", dem westlichsten Eckpfeiler des Himalaya. Bis zu 600 m über den wild schäumenden Fluten des Indus frißt sich der KKH durch die Bergflanken, immer bedroht von Erdrutschen, Geröll- und Steinlawinen. Kurz vor Gilgit verlassen wir das Industal, das hier ostwärts Richtung Skardu abknickt, dem Ausgangspunkt vieler Expeditionen zu den 8000ern des Karakorum. Der Hunzafluß wird jetzt unser Begleiter. Die Dörfer in Zentralhunza liegen auf Terrassen an den Berghängen. Gärten und Felder werden künstlich aus den überall herabstürzenden Bächen und Flüssen bewässert. Schlanke Pappeln säumen die schmalen Bewässerungsgräben. Es ist landschaftlich die wohl lieblichste, harmonischste Region im Norden Pakistans. Ich sauge die herbe Schönheit unbe rührter Natur in mir auf. Über allem ragt majestätisch die schnee- und gletscherbedeckte Nordflanke des 7788 m hohen Rakaposhi (Drachenschwanz) in den tiefblauen Himmel. Wie schon der Nanga Parbat fällt auch er in einer einzigen Stufe von über 5500 m vom Gipfel geradewegs und unmittelbar in die Kulturlandschaft hinab.
Sust, letzte Ortschaft vor der chinesischen Grenze. Fast 800 km haben wir bis hierher zurückge egt. Wir erledigen unsere Paß- und Zollformalitäten zur Ausreise nach China und wechseln vom Kleinbus auf einen klapperigen Allrad-Toyota, der uns über den Khunjerab-Paß nach Tashkurgan, der chinesischen Grenzstadtbringt. Dazwischen liegen über 200 km fast menschen leere Einöde, der Khunjerab-Nationalpark. Ein vom WWF betreutes Naturreservat. Heimat von Schneeleopard, Moschushirsch, Schwarz- und Braunbär, Marco-Polo-Schaf, Tieren die vom aussterben bedroht sind und in diesen einsamen, weltabgelegenen Gebirgsstöcken ein Rückzugs gebiet gefunden haben.

Von Tashkurgan fahren wir mit zwei chinesischen"Pick-Ups" zum malerisch, an den Aus läufern des Kuen-Lun-Gebirges, gelegenen Karakulsee. Unweit des Sees bleiben die Fahrzeuge zurück, Material und Ausrüstung werden auf Kamele verladen. Der dreistündige Aufstieg ins Basislager in 4400 m Höhe kann beginnen. Uns begleitet eine Kamelkarawane mit fünf Tieren, deren kirgisische Treiber und unser Begleitoffizier. Hier in dieser hochgelegenen Steppen landschaft bestimmen Kamel, Pferd und Esel den Tagesrhythmus. Die Neugier, unser Ziel wenigstens für einen Moment mit Blicken zu erhaschen, wird durch eine geschlossene Wol kendecke vereitelt. So bleiben wir im Ungewissen. Im Basislager wird uns ein Platz für die drei Zelte zugewiesen, zusätzlich ein Küchenzelt.
Während unserer vierzehntägigen Höhenanpassung errichten wir die Hochlagerkette. Meistens arbeiten wir in zwei Teams, die je nach körperlicher Verfassung unterschiedlich besetzt sind. Die schlechten Wetterbedingungen, mit gewaltigen Stürmen in der Höhe, lassen unsere Motivation drastisch sinken. Gipfel- oder Besteigungsversuche von anderen Bergsteigern während dieser Zeit werden mit angefrorenen oder erfrorenen Fingern belohnt. Der Preis ist zu hoch. Ein weiterer Grund, Geduld zu üben. Nach vier weiteren Tagen allein am Berg kehre ich zu den Kameraden im Basislager zurück. Mindestens zwei Tage Ruhe im Basislager habe ich mir verordnet, fällt mir auch nicht schwer bei diesem Sturm. Häufig blicke ich nach oben, wo große Wolken Jagd auf den blauen Himmel machen. Eine Woche Zeit bleibt noch für den Aufstieg zum Gipfel.

Unsere Frau-/Mannschaft teilen wir in zwei Gruppen auf. Ute geht mit Fritz, Armin mit mir. Armin und ich gehen mit einem Tag Abstand als letzte, werden im Abstieg die drei Hochlager wieder abbauen und den Berg sauber zurücklassen. Wir starten in Richtung Gipfel. Im Basislager gabs wieder Neuschnee. Dichte, dunkle Wolken hüllen den Berg in ein düsteres Gewand. Welch ein Omen?
Zwei Tage später, wir sind im zweiten Hochlager, das Heulen des kalten Sturms und das Knattern der Zeltplanen im Wind läßt nach, die Wolken werden weniger. Sonnenstrahlen tref fen das Zelt. Wird es uns gelingen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein? Es gelingt. Am 27.8. erreichen Armin und ich bei erträglichem Wind mit Skiern den Gipfel. Erst bei der Abfahrt merken wir, wieviel Kraft uns der Aufstieg gekostet und wie wenig Sauerstoff den Muskeln für die Bewegungen verbleibt. Müde, ausgepumpt, innerlich leer und doch vollkom men gelöst, entspannt und zufrieden versinken wir in den Schlafsäcken im dritten Hochlager. Unendliche Ruhe, ja Frieden umgibt uns.
Hat sich etwas verändert? Ist etwas verloren gegangen oder haben wir etwas gewonnen? Wir sind an Erfahrungen reicher, sind stärker geworden und lebendiger. Zu sagen, dass ich glücklich war auf dieser Reise wäre nicht ganz richtig. Es gab gute Momente, Augenblicke die ich nicht vergessen werde, und andere, die sehr hart waren. Die Berge waren unsere Begleiter. Sie können Hoffnung und Kraft geben aber sie geben keine Wärme... deshalb kehren wir so gerne zurück. Wir brauchen die Wärme derer, die auf uns warten.

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Wenn Sie durch die Ausschnitte aus meinem Tagebuch neugierig geworden sind, mehr über Menschen, Kultur, Berge und Geschichten rund um diese Expedition gibts im Expeditionsbericht "Mustagh Ata 7546m - Skiexpedition 1996" (ISBN 3-00-001654-6), der incl. Porto und Versand zum Preis von Euro 12,- gegen Verrechnungsscheck direkt vom Autor bezogen werden kann.

Christian Funke
Waldstr. 5
90574 Roßtal

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Stand: 09.01.2006