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peru01 Wandern (Trekking) und Bergsteigen in der Cordillera Blanca (Peru)

Der Expeditionsbericht über die Chinaexpedition (Mustagh Ata) lag korrigiert aber immer noch nicht gedruckt auf dem Schreibtisch, war also noch in der Mache, da kam überraschend vom Reinhold die Frage, ob ich Lust und Zeit hätte gemeinsam in der Cordillera Blanca Landschaft zu genießen und Berge zu besteigen.

Lust war da weniger das Problem, ausreichend Zeit freizumachen schon eher. Mehr als zwölf Jahre waren inzwischen vergangen, seit ich die Berge Peru"s anläßlich der Nürnberger Andenexpedition kennengelernt hatte.
Um so mehr reizte mich das Vorhaben, in der alpinistisch anspruchsvollen Cordillera Blanca unterwegs zu sein, Neues zu entdecken, aber auch bekannte Wege zu beschreiten. Der Entschluß zu dieser Fahrt war schnell gefaßt, große Vorbereitungen wie bei Expeditionen zu hohen Bergen waren nicht erforderlich. Die Berge Südamerikas bieten sich geradewegs an, mit wenig Aufwand zum Ziel zu gelangen und die bergsteigerischen Möglichkeiten sind nahezu unerschöpflich. Zu zweit, maximal zu dritt wollten wir die Ziele in der Cordillera Blanca angehen. Der Dritte im Bund war Thomas. Mit ihm gewannen wir einen begeisterungsfähigen, hilfsbereiten und leistungsstarken Bergsteiger dazu. Spontan, zunächst über die Einladung etwas verwundert, schloß er sich der Kleinexpedition an. Das gemeinsame Expeditionsmaterial wie Zelte, Kocher, Medikamente und Erste Hilfe Material waren schnell zusammengestellt. Als Reisezeitraum wählten wir den Mai und Juni. Sicher, noch etwas früh im Jahr für diese Region, sozusagen in der Vorsaison. Einen Versuch war es allemal wert und wer meine Liebe zu unverspurten, neuen Wegen kennt, weiß, daß gerade darin auch der Reiz der Bergsteigerei liegt. Insgesamt planten wir für einen Zeitraum von etwas mehr als vier Wochen.

Unser Interesse galt nicht dem Huascaran, dem mit 6768 m höchsten Berg Perus. Er ist vielbesucht und von daher schon fast mit einem Mt. Blanc oder Matterhorn vergleichbar. Wir wollten uns auf eher unbekannte Fünf- und Sechstausender konzentrieren, wobei manchmal auch das Wort des bekannten Alpamayo ins Gespräch kam.
Die Entscheidung welche Gipfel wir versuchen, wollen wir erst nach Kenntnis der Verhältnisse in den jeweiligen Routen fällen. Ein Gipfel, der 6025 m hohe Artesonraju mit seiner 800 m hohen S-Eiswand, steht allerdings im Mittelpunkt unserer Planungen.
Nach Peru und weiter zu den Bergen der Cordillera Blanca zu gelangen, setzt keine außergewöhnlichen organisatorischen Fähigkeiten mehr voraus. Flugzeug und Bus lassen dieses Ziel in zwei Tagen erreichen. Problematisch ist da schon eher die leidige Gewichtsbeschränkung auf 20 kg beim Fluggepäck, obwohl sich auch dabei viele Fluggesellschaften inzwischen als großzügig erweisen.
Der Test der Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen Nürnberg verläuft äußerst positiv. Unser eisenhaltiges, schweres Handgepäck wird kurzerhand konfisziert und landet ohne Aufpreis beim Fluggepäck. Nur mit Ausweis und Geldbörse bewaffnet erobern wir unsere Plätze im Flieger nach Frankfurt und kurze Zeit später im "Jumbo" nach Lima.

Unsere Höhenanpassung beginnen wir mit einer dreitägigen Wanderung quer durch die Cordillere. Von Olleros, südlich Huaraz, führt unser einsamer Weg durch die weite, baumlose Punalandschaft des Rio Negro. Gelbbraune Icchu- und Ocshagräser prägen das Bild. Zwischen den harten Grasbüscheln kleinblütige oft farbenprächtige, handtellergroße Korbblütler.
Die Bezeichnung Puna heißt soviel wie Schlaf und bezieht sich auf die Müdigkeit, die einen befällt, der nicht auf diese Höhenstufe von 3500 bis 4800 m angepaßt ist.
Wir kommen an Einsiedeleien vorbei. Die wenigen Indios leben hier oben in einfachen Strohhütten und weiden ihre Rinder und Schafe. Unübersehbar die Herden der Lamas und der etwas kleineren Alpacas. Wer Glück hat, bekommt die zu den höckerlosen Kamelen zählenden Guanakos oder die vom aussterben bedrohten Vicunas zu Gesicht. Müde beenden wir unsere heutige Etappe nach etwa 15 km an der fast ausgetrockneten auf 4050 m liegenden Laguna Collotacocha. Das Glitzern der umliegenden schneebedeckten Fünftausender bietet einen willkommenen Kontrast zu der kalten Grassteppe.

Dunkle, schwarze und tiefblaue Wolken sind aufgezogen, jederzeit bereit ihr kühles Naß über uns auszuschütten. Einziger Gast am heutigen Abend, einer der vielen hungrigen, herumstreunenden Hunde. Solange er uns beim späteren Abendessen nicht stört, mag er bleiben. Schon der erste Abend überrascht trotz günstiger Randbedingungen mit bis dato ungewöhnlichen Ergebnissen unseres Materialtests. Das Apsisgestänge unseres Expeditionszeltes bricht gleich mal an zwei Stellen nach dem Motto: doppelt genäht hält besser. Meine Thermarest-Isomatte macht nach knapp zweistündigem intensiven Belagerns schlapp. Lustlos, nein luftlos werden die beiden kommenden Nächte zur steinharten Realität.
Schon bald in der Nacht beginnen die Wolken ihre schwere Last abzuwerfen. Gleichmäßig, einschläfernd das Prasseln der Regentropfen auf der Zeltplane. Mit Anbruch des Tages entfalten wir unsere Aktivitäten wieder. Es regnet nicht mehr, die Berge sind mit Neuschnee weiß überzuckert, die Wetteraussichten eher unbeständig. Trotzdem packen wir nach dem Frühstück die schwere, nasse Ausrüstung zusammen und starten zur zweiten Etappe unserer eisenharten Laufnummer, wie Reinhold treffend formulierte.
Ob wir die 25 Kilometer nach Chavin heute wohl schaffen? Zunächst muß erst einmal der fast 4700 m hohe Yanashallushpaß überschritten werden. Um Erschöpfung in der Höhe zu vermeiden, drosseln wir unser Tempo und gehen diese Etappe mit unserem schweren Gepäck besonders langsam an. Erst gegen Mittag erreichen wir die weitläufige Paßhöhe. Der scharfe, kalte Wind vertreibt uns rasch von dem Übergang hinunter in das Shonopampatal. Es ist ein steiles wasserreiches Tal und deutlich stärker besiedelt, als die gestrige Landschaft. An den Berghängen liegen die Gehöfte der Indios ver-steckt. Sie bewirtschaften hier die steilen Berghänge in harter, schweißtreibender Handarbeit. Die parzellenartigen, kleinen Felder sind oft mit Natursteinmauern umgeben, um sie gegen Erosion und vor dem Wind zu schützen. Abwärts kommen wir jetzt deutlich schneller voran aber unseren Plan, noch heute bis Chavin zu laufen, geben wir auf. Bis 16 Uhr müsen wir einen geeigneten Lagerplatz finden, um noch bei Tageslicht zu kochen und zu essen.
Gegen 18 Uhr geht die Sonne unter und nach kurzer Dämmerung ist es hier stockdunkel und wieder beginnt eine zwölfstündige Nacht. Stirnlampen und Kerzen liegen für den Einsatzfall immer griffbereit. Eine Gas- oder Benzinlampe wäre sicher ein nützlicher Ausrüstungsgegenstand - beim nächsten Mal.
Frühzeitig sind wir wieder auf den Füßen. Nach einem kargen Frühstück aus unseren restlichen Lebensmitteln zubereitet, starten wir zur letzten Etappe nach Chavin. Das Hochtal verengt sich immer mehr, es wird zur Schlucht. Die Felder der Indios kleben regelrecht an den Bergflanken. Wie Schachbrettmuster leuchten die grünen, gelben und braunen Felder in der intensiven Sonnenstrahlung. Im Hintergrund die schneebedeckten Fünf- und Sechstausender. Nach vierstündiger Wanderung kommen wir nach Chavin hinunter.

An einer der Haupt-Andenstraßen, die auf einem Gebirgskamm in 3200 m verläuft, liegt das "castillo" von Chavin. War es eine Festung, ein Heiligtum oder nur Lagerhaus? Für 15 soles (DM 10,-) nehmen wir uns einen englisch sprechenden Führer, der uns in 90 Minuten mit vielen Erklärungen durch das gesamte Areal führt. Das große Bauwerk besteht aus zwei Terassen oder Plattformen aus Granit. Die Mauern waren früher mit Steinplatten verkleidet und mit vorstehenden Menschenköpfen aus Stein verziert. Sie stellen wohl Trophäen dar. In die Steinplatten und runden Säulen sind Raubtiere, Kondore, Schlangen und andere Motive geritzt. Sie sind Merkmale der Chavin-Kultur, die ohne erkennbare Vorzeichen 1000 v. Chr. in den Anden auftaucht. Die tieferen Zusammenhänge dieser fremdartigen Kultur werden uns wohl für immer verschlossen bleiben.
Mittelpunkt des Heiligtums von Chavin ist ein Monolith aus Granit in Form eines Dolches, dessen Spitze nach unten zeigt. Dieser "lanzon" ist über 4,5 m hoch und fest in den Boden sowie die steinerne Decke des versenkten Haupthofes eingerammt. Auch er ist mit Reliefs verziert, die einen Kopf zeigen, der den für Chavin so typischen höhnisch lachenden Mund hat. Nach unserem Rundgang durch"s "castillo" laufen wir in den Ortskern von Chavin hinüber. Im Restaurant "La Portada"mit einem sonnendurchfluteten, spanisch anmutendem Innenhof lassen wir uns die vorzüglichen Tortillas schmecken.
Um 16 Uhr fahren wir mit dem täglich einmal fahrenden Touristenbus zurück nach Huaraz. Er benötigt für die 110 km lange, holprige Piste vier Stunden. Nach der "harten Laufnummer" konzentrieren wir uns jetzt auf die Gipfel der Cordillera Blanca. Wir wandern für sieben Tage ins Ishinca-Tal.

Zusammen mit zwei jungen Argentiniern sind wir zunächst allein in diesem wildromantischen Tal unterwegs. Zwei Tage später kommen noch zwei Franco-Kanadier dazu. Als ersten besteigen wir den 5420 m hohen Urus, es folgen der 5530 m hohe Ishinca und der 6162 m hohe Ranrapalca. Die schwierigere NW-Wand des Toclaraju fällt der allgemeinen Lazarettstimmung zum Opfer. Wir wollen uns nicht schon am Anfang verausgaben. Die beiden Argentinier versuchen die NW-Wand. Nach fast 24 Stunden kehren sie erfolgreich zu ihrem Hochlagerzelt zurück. Nach einer Akklimatisationswoche kehren wir als "Trio Hospitale" zurück nach Huaraz. Jeder kuriert an seinen Infektionen: Reinhold seinen Darm, Thomas und ich den Nasen-Rachenraum.

Wir diskutieren über unser nächstes Ziel, wieder kommt der Alpamayo ins Gespräch. Mindestens sechs Tage, ohne weitere Reserve müssen wir für die Besteigung rechnen. Damit reicht die Zeit auch für die S-Wand vom Artesonraju. Das bedeutet aber Wetterpoker. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Die Fahrt geht von Huaraz nach Norden durch Eukalyptuswälder. Bald erreichen wir Carhuaz, den zweitgrößten Ort im Santatal. Die mächtigen Gipfel des 6770 m hohen Huascaran, des 6130 m aufragenden Hualcan und des 6188 m hohen Copa präsentieren sich hier eindrucksvoll und sind zum Greifen nahe. Weiter talabwärts wird der Blick frei auf die Überreste des Dorfes Ranrahirca, die das Lawinenunglück von 1970 überstanden. Die Straße führt nun um einen Hügel, der von einer Christusstatue gekrönt wird. Hier lag der Friedhof von Alt-Yungay. Als 1970 etwa ein Drittel der Nordwestflanke des Huascaran abbrach, übersprangen die ungeheuren Stein- und Schlammlawinen den 200 m hohen Schutzwall, stürzten auf die Stadt und begruben binnen weniger Minuten rund 20000 Menschen unter sich. Das neue Yungay entstand wenige Kilometer nördlich von hier. Palmwipfel und Schutthaufen kennzeichnen die Stelle, an der einst die Plaza mit der Kirche von Alt-Yungay lag.
Wenige Kilometer hinter Caraz verlassen wir das Rio Santa-Tal und fahren nach Cashapampa. Hier beladen wir drei Esel, zusätzlich begleitet uns ein Träger und Aufpasser bis ins Basislager. Wir nehmen den Weg durchs blühende Santa Cruz Tal. Abends wälzen sich dicke schwarze Wolken über den Gebirgskamm herunter, es beginnt zu regnen. Unser peruanischer Begleiter sagt für die nächsten Tage schlechtes Wetter voraus. Trotz allem halten wir an unserem Plan fest. Auch beim Abendessen im Basislager am nächsten Tag regnet es wieder. Schaurig schön, von den umliegenden Bergen sahen wir bisher nichts. Wir bereiten noch unseren morgigen Aufstieg ins Hochlager auf 5300 m vor und fallen anschließend nach zweitägigem Anmarsch in den verdienten Tiefschlaf. Unerwartet hat sich über Nacht Wetterbesserung durchgesetzt.

Schwer bepackt verlassen wir das Basislager. Wir gehen angeseilt über den spaltenreichen, zerklüfteten Gletscher. Er steilt sich zum Col zwischen Alpamayo und Quitaraju immer mehr auf. Wir gehen wegen der knietiefen Spurarbeit und der Steilheit inzwischen seilfrei. Schon der Zustieg zum Sattel erfordert hochalpine Erfahrung. Die letzte über 50 Grad steile Eispassage sichern wir seilschaftsmäßig ab. Nach einer Seillänge stehen wir im Sattel. Wahnsinn - mit Worten kaum beschreibbar - direkt vor uns steht in voller Schönheit die SW-Wand des Alpamayo (5947 m) in der gleißenden Abendsonne. Es dauert einige Zeit bis wir uns an der Großartigkeit dieses zu Eis erstarrten Märchenschlosses sattgesehen haben. Zu Recht wird er als einer der schönsten Berge der Welt betrachtet. Vor genau vierzig Jahren, 1957 wurde er erstmals über den S-Grat bestiegen. Morgen wollen wir durch eine der steilen Eisrinnen zum Gipfelgrat. Nach warmen Getränken zum Früstück, verlassen wir gegen fünf Uhr das Hochlager. Über einen Wulst klettern wir steil zum Gletscher hinunter, queren hinüber zum Bergschrund. Thomas war inzwischen leider umgekehrt, er fühlte sich heute nicht gut. Vor uns noch eine Dreierseilschaft. Zwei Schweizer mit peruanischem Führer. Diesmal spuren sie durch den trockenen, puderzuckerartigen Schnee über den Gletscher. Am Einstieg, unweit der Ferrari-Route dem heutigen Normalweg, schließen wir zu ihnen auf. Unser Vorankommen ist durch die vorausgehende Seilschaft häufig von Pausen unterbrochen. Gut, um immer wieder Sauerstoff in unsere Muskeln zu pumpen. So bleibt Zeit, ausgiebig die bizarren Eisgebilde um uns herum zu bestaunen. Ob die alle fest sind? Nach fast sieben Seillängen stehen wir mittags auf dem Gipfelgrat. Häufig ist die Gipfelwand von Wolken umnebelt. Wir haben heute Glück, können das überwältigende Panorama aus Schnee und Eis in uns aufnehmen. Wächten und Eispilze bilden eine wilde Kulisse, eine Zauberwelt, machen dankbar dies alles erleben zu dürfen.
Viel Zeit gönnen wir uns nicht am Gipfel, ein langer Abstieg steht bevor. Zusammen mit der Dreierseilschaft seilen wir am 60 m Doppelseil über unsere Aufstiegsrinne hinunter. Reinhold voraus, zum Einrichten der Fixpunkte und ich sorge für einen reibungslosen Ablauf an den Standplätzen. So erreichen alle mit Einsetzen der Dämmerung das Hochlager wieder. Die Anspannungen lösen sich. Nach und nach überwältigt mich die Freude über die geglückte Tour.
Noch einmal bestaune ich die Lichtspiele der untergehenden Sonne, wie die Schatten der Grate und Rinnen über die Wand wandern. Das Schauspiel ist vorbei, am folgenden Tag ist die Wand wieder in Wolken. Wir nehmen Abschied vom Alpamayo. Als wir mittags das Baislager erreichen, fängt es wieder das Regnen an. Die Berge sind längst wolkenverhangen, das Allgäu läßt grüßen.
Je weiter wir das Santa Cruz Tal hinauslaufen desto besser wird das Wetter. Abends, am Lagerplatz, scheint schon wieder die Sonne. Lange sitzen wir an diesem milden Abend unter dem leuchtenden Sternenhimmel vor unserem Zelt. Natur pur. Der nächste Tag bringt uns zurück nach Huaraz. Neben der längst nötigen Entspannung und Erholung bereiten wir unseren letzten Auftritt im Reich der Sechstausender vor. Doch darüber bei einem der Diavorträge mehr.

Meinen Begleitern an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für ihren Einsatz und das gelungene Miteinander. Eine Stimmung, die das ganze Unternehmen angenehm begleitete, die letztlich auch zum Erfolg dieser Kleinexpedition beigetragen hat und an die ich mich gerne erinnern werde.


Christian Funke


Stand: 10.01.2006