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Peru und Bolivien - Zu Dritt in den Kordillieren

Hochlandtrekking in Peru und Bergsteigen in der Cordillera Real

Endlich geschafft. Die letzten 50 Höhenmeter hatten es in sich. Unser einheimischer Guide hatte uns zuverlässig diese schwierigen Meter mit Eisschrauben und Firnanker abgesichert. Nun freuten wir uns bei strahlender Sonne über unseren Gipfelsieg.
Der Huayna Potosi, obwohl 6088 m hoch, gilt als einer der leichteren Sechstausender in den Königskordillieren unweit von La Paz. Trotzdem bedarf diese Höhe einer guten Vorbereitung und Akklimatisation.
Vor vier Wochen waren Jürgen, Gisela und ich in Perus Hauptstadt Lima angekommen. Nach zwei Tagen, die angefüllt waren mit Ausschlafen, Stadtbesichtigungen und geistiger Vorbereitung im archäologischen Museum, flogen wir weiter in die Inkastadt Cusco. Cusco liegt eingerahmt von Bergen in einer Schüssel auf 3400 m. Der dort gleich nach Ankunft auf dem Flugplatz verabreichte Mate di Coca half uns, die Höhe besser zu vertragen. Pflichtbewußt tranken wir ihn dann zu jeder Tageszeit, und er schmeckte uns. Wir blieben erst einmal drei Tage in dieser wunderschönen Stadt und erkundeten ihre Umgebung: Wir besuchten den Indiomarkt in Pisac und die oberhalb liegenden Inkarninen mit den vielen Feldbauterrassen und dem zauberhaften Blick ins Urubambatal.
Wir fuhren zum Inkafestung Ollantaytambo mit den steilen Stufen zu den Heiligtümern in exponierter Lage. Wir stiegen von Cusco nach Sacsayhuaman hoch und bestaunten dort die riesigen Ausmaße der Mauersteine in der dreifachen zickzackförmigen Befestigungsanlage. Dann aber rief der Berg.

Incatrail und Salkantaytrek
Unser Plan war, den Incatrail mit dem Salkantaytrek zu verbinden. Diese 7 Tage-Wanderung wollten wir in Macchu picchu beginnen. So mußten wir zuerst den 3900 m, dann den 4200 m und schließlich erst am 5. Tag den 5019 m hohen Paß überwinden. Es war kein Problem, in einerAgentur in Cusco Träger für unsere Variante zu mieten. Und so begannen wir am nächsten Tag gleich nach der Besichtigung der berühmten Incastätte Machu Picchu unser Trekking, begleitet von drei Trägern. Von dem höher gelegenen Ubergang Intipunku konnten wir am Spätnachmittag noch einmal die gesamte Ruinenstadt überblicken. Ein alter Plattenweg führte uns weiter durch tropischenWald. Bartflechten hingen gespenstisch von den Ästen. Bromelien, Büsche von Gottesaugen und Fleißigen Lieschen, Orchideen und Tillandsien säumten den Pfad. Neben dem Hotel in Winay Wayna schlugen wir das erste Lager auf.
Am nächsten Morgen stiegen wir in der Hitze ca. 1000 Höhenmeter steil hoch nach Phuyupatamarca, einer Incabefestigung. Von nun an merkten wir, daß wir offensichtlich etwas ganz Außergewöhnliches machten: Wir begingen den Incaweg in "falscher" Richtung, nämlich gegen den Strom. Tatsächlich grüßten wir uns nicht nur den Mund fransig von Guten Tag, buenos dias, ola, hi bis bon jour oder buon giorno, sondern man fragte uns auch besorgt, ob wir uns verirrt hätten. Andere wieder sagten es uns auf den Kopf zu: "You are wrong". Unsichere Gemüter verwirrten wir unsererseits, so daß diese sich bei uns nach dem richtigen Weg erkundigten. Zudem fielen wir mit unseren Bergstöcken auf, und man vermißte die dazugehörigen Skier. Eines steht fest: Auf dem Inkaweg ist man nicht allein. Er ist stark begangen, aber eben nur in einer Richtung. Das schmälert jedoch nicht seine einmalige landschaflliche Schönheit.
Der Inkabefestigung Sayacmarca folgte der Runkurakay-Paß auf 3900 m, zu dem wir ganz schön hochschnauften und schließlich nach einem kurzen Abstieg einen geschützt gelegenen Zeltplatz ganz für uns allein bei einem Tümpel fanden. Im Zelt, draußen war es nebelig und kalt, kochte Jürgen den ganzen Abend ein Menü. Die Speisenfolge sollte exemplarisch sein für alle weiterenAbendessen en tour: Viel Mate di Coca, Nudelsuppe, dann Nudelpampf, verfeinert mit einer Büchse Thunfisch oder corned beef, schließlich wieder Suppe (zur Reinigung des Topfes) und am Ende noch einmal im nahezu sauberen Topf Mate di Coca. Wie an jedem aller nachfolgendenAbende zeigte sich der nächtliche Himmel in seiner ganzen Pracht, wenn wir noch schnell unseren Gute-NachtPiesler machten.
Am nächsten Morgen mußten wir zuerst 300 Höhenmeter absteigen und stapften dann langsam und stetig auf den 4100 m hohen Warmiwanusqa-Paß. Oben angekommen staunten wir nicht schlecht. Da fehlte eigentlich nur noch die Würstchenbude. Indiofrauen und Kinder boten Cola und Sprite an. Maultiere trugen von der Gegenseite müde Trekker oder deren Gepäck hoch. Wir hätten die Tiere für einen Abwärtsritt benutzen können, hatten aber zu wenig Zutrauen in unsere Reitkünste. Auch so tauchten wir bald wieder in wärmere Gefilde ein und freuten uns auf ein gutes peruanisches Essen im DorfWayllabamba. Aber das wahr wohl nix! Zwischen den scharrenden Hühnern und den herumwuselnden Meerschweinchen konnten wir immerhin ein kühles Bier trinken.

bolivien02 Danach bogen wir den Fluß entlang aufwärts in den Salkantaytrek ab. Von nun an waren wir so gut wie allein. Am Nachmittag des nächsten Tages überraschte uns unterwegs ein Gewitter. Regen mit Graupel vermischt prasselte auf uns herunter. Unsere Träger rutschten mit ihren Stoffturnschuhen immer wieder im glatten, steilen Gelände ab.
In diesem Sauwetter bauten wir schließlich hastig unser Zelt auf einem 4200 m hoch gelegenen Platz auf. Auch unsere Träger errichteten sich mit Hilfe unserer Teleskopstöcke und einer Plane einen Unterschlupf, den sie fest mit Steppengras auspolsterten.
Der nächste Tag zeigte sich wieder traumhaft schön. Die zerklüfteten Eiswände des Salkantay grüßten zu uns herüber. Wir arbeiteten uns langsam, im schottrigen Gelände steil ansteigend, den 5000er Paß hoch. UnserenAufstieg begleitete derAnblick des weiß glänzenden, wild zerrissenen Gletscherriesen. Oben angekommen, beglückwünschten uns unsere Träger. Von nun an ging es abwärts, an blauen Lagunen vorbei. Den eindrucksvollen Salkantay hatten wir bald im Rücken.

Nach einer sternenklaren Nacht im einsamen Lager am Gletscherfluß stiegen wir weiter ab. Auf der Hochfläche, der Pampa Soray, traf man erst vereinzelt, dann immer häufiger auf Gehöfte. Nun setzte sich noch ein weiterer Eisriese in Szene, der Huamantay. Die Vegetation wurde wieder reicher. Schafe, Kühe und Pferde grasten auf den Hochebenen. Indios auf Pferden grüßten uns freundlich, Mücken belästigten uns, Hunde bellten, und wir näherten uns Molepata. Pünktlich fuhr der Bus proppenvoll ab in Richtung Cusco. Er gebärdete sich auf der holprigen Sandstraße wie ein junges Fohlen, hüpfte über Steine, sackte in Rinnen. Wir flogen von unseren Sitzen hoch und näherten uns verdächtig der Decke des Busses. Später im Tal wurde das Fahrzeug auf der Teerstraße gesittet und ruhig.

Titicacasee
Nach einem Ruhetag in Cusco fuhren wir ca. 12 Stunden im Zug nach Puno am Titicacasee. Kurzweil verschafften uns die Indios mit ihrer Andenmusik und die fahrenden Händler, die Essen, Trinken und Souveniers anboten. Die Landschaft vor dem Zugfenster wechselte bald über in das gleichförmige, eintönige Altiplano, wo nur Kühe, Lamas, Alpakas und kleine Ansiedlungen dem Auge willkommene Abwechslung boten. Als es dunkel wurde, schob sich der unbeleuchtete Geisterzug durch die schneebedeckte Ebene. Unwillkürlich drückten wir unsere Habseligkeiten näher an uns heran.

Ausflüge in Puno:
- die schwimmenden Inseln der Uros auf dem Titicacasee
- die Grabtürme in Sillustani

In einer weiteren Tagesfahrt, diesmal im komfortablen Reisebus, kamen wir über Copacabana nach La Paz. Dort organisierten wir unseren Transport in die Condoririgruppe und tätigten den Einkauf unseres Proviants sowie der Gaskartuschen.

bolivien03 Condoriri-Gruppe
Ein Toyota Cruiser brachte uns zuerst auf Teerstraßen, später auf steiniger Piste zumAufstieg. Der Weg zum 4700 m hoch gelegenen Lagerplatz wäre trotz unserer aufgepackten Rucksäkke nicht beschwerlich gewesen, wenn nicht bald ein Schneesturm eingesetzt hätte, der uns die Eiskristalle ins Gesicht peitschte. Nach drei Stunden Aufstieg bauten wir dann im Schneegestöber an der Lagune inmitten der CondoririGruppe unser Zelt auf. GegenAbend war keine Wolke mehr am Himmel. Der Schnee am Lagerplatz war auch geschmolzen. An drei Seiten waren wir von gewaltigen 5000ern umgeben. Wir waren hier nicht die einzigen Bergsteiger. Eine Hauser-Gruppe hatte auch ihre Zelte aufgeschlagen. Am nächsten Morgen weckte uns die Sonne. Wir schauten noch zu, wie die Lamas der Hauser-Gruppe beladen wurden. Dann erst machten wir uns auf den Weg zum 5300 m hohen Linken Talwächter. Für ihn war keine Eisausrüstung nötig. Zuerst ging es, von Steinmännchen markiert, über Matten mit hohem Gras, dann immer steiler werdend über Geröll hoch zur Scharte. Der Himmel verdunktelte sich zusehends, und wir meisterten den Gipfel im Schneetreiben. Aussicht = Null, Gipfelerlebnis: wenigstens geschafft - gut für die Höhenanpassung.

Für den nächsten Tag brauchten wir Eisausrüstung. Unser Ziel war der Nevado Illusion mit 5300 m. Wir stiegen bei bestem Wetter (diesmal auch etwas früher) über die Schuttmoräne hoch. So umgingen wir den Eisbruch. Auch hier zeigten uns Steinmandln den Weg. Auf dem Gletscher kamen wir wegen der Höhe und der Steilheit nur langsam voran. Gisela hatte Höhenprobleme. Wie tags zuvor zogen Wolken heran. Auf 5100 m, vor einem größeren Spaltengebiet wurde es immer nebliger. Wir kehrten um. Am Spätnachmittag war wieder das schönste Wetter. Ätsch!
Den 5100 m hohen Mirador bestiegen wir noch etwas früher und deshalb bei Sonnenschein. Wir hatten sogar danach noch Zeit für einen dahinterliegenden Paß, wo wir zwischen aufziehenden Wolken den Huayna Potosi aus der Nähe zu Gesicht bekamen. Jürgen und ich waren uns sicher: da wollen wir rauf! Wie jeden Nachmittag kam auch an diesem Tag wieder das Sauwetter, das sich dann wie immer bis zumAbend ganz verzog. Den Abstieg von der CondoririGruppe am nächsten Morgen erleichterten uns zwei Esel, die den schwereren Teil unseren Gepäcks trugen.
Wieder in La Paz:
- vergnügliches Duschen
- Riesenportionen im einheimischen Lokal - Folkloreshow und bolivianischer Wein
- Vor-Inkakultur in Tiwanaku auf demAltiplano - Museen in der Stadt
- Val della Luna

Huayna Potosi
Dann kam der letzte Höhepunkt unserer Reise, der Huayana Potosi. Wir hatten die Fahrt mit dem Jeep, einem einheimischen Führer und zwei Trägern schon in einer Agentur gebucht.
Pünktlich vom Hotel abgeholt, fuhren wir im Toyota gemeinsam mit unserem Guide und den Trägern zum 4700 m hohen Zongopaß. Zuerst ging es über die Staumauer des Zongosees, dann einem Balanceakt gleich auf einem 40 cm breiten Mäuerchen weiter, das den Zufluß zum Stausee säumte. Wir hatten die Wahl, entweder links ins reißende Wasser, oder rechts in den Abgrund zu fallen. Weil beides sehr unangenehm gewesen wäre, blieb man lieber auf diesem "Schwebebalken". DerWeg führte danach auf der Seitenmoräne steil hoch und schließlich über Steinblöcke und Geröll zu einem Lagerplatz am Gletscherrand in 5200 m Höhe. Doch unseren Guide zog es weiter. Unser Tempo wurde immer langsamer. Schneefall setzte ein. Plötzlich sahen wir vor uns auf einer geraden Fläche Zelte stehen - endlich das Hochlager in 5500 m Höhe. Mir graute es schon vor dem Zeltaufbau in Eiseskälte. Aber wir trauten unseren Augen kaum. Da stand ja auch unser Zelt, fertig aufgebaut. Unsere herzensgutenTräger hatten uns die Arbeit bereits abgenommen. Wir brauchten jetzt nur noch mit Sack und Pack einzuziehen. Mit Daunenjacke, warmer Hose und Mütze bekleidet steckten wir bald in unseren Schlafsäcken. Jürgen schmolz Schnee zum Kochen. Unsere gefüllten Wasserflaschen kamen vorsorglich zu uns in unsere wärmenden Schlafsäcke, denn am nächsten Morgen wollten wir uns nicht mit dem Schneeschmelzen aufhalten. Denn da mußte es schnell gehen: Wekken um 3.00 Uhr, um 4.00 Uhr standen wir in voller Ausrüstung vor unserem Zelt. Trotz der Höhe und Kälte hatten wir ganz gut geschlafen. Gerade verschwand der Vollmond hinter dem Gipfel des Huayna Potosi. Der Illimani auf der gegenüberliegenden Seite glänzte noch im Mondlicht, und von der Millionenstadt La Paz blinkten die Lichter zu uns hoch, als wir uns ins Seil einhängten und langsam losstapften. Der erste Teil des Weges war nicht steil, trotzdem brauchten wir immer wieder kurze Verschnaufpausen. Dann kam ein 50° steiler Firnhang.Unser Guide sicherte uns. Schweigsam, mühsam, schwer schnaufend kämpften wir uns Schritt für Schritt weiter. Ich dachte an mein warmes Bett zu Hause und wähnte mich bescheuert, solche Strapazen auf mich zu nehmen. Immer wieder mußte ich stehen bleiben, doch Jürgen bestätigte mir, daß auch er über Verschnaufpausen froh sei. Als dann aber der Tag heraufzog und die Umrisse der Berge im morgendlichen Glanz erstrahlten, stieg auch meine Zuversicht, den Gipfel zu erreichen. Kurze Photopausen tarnten immer wieder die Müdigkeit und Atemlosigkeit. Als wir dann wieder ins steile Gelände kamen, und es für mich spannend wurde, machte das Steigen fast Spaß. Der Guide sicherte uns unterhalb des östlichen Gipfelgrates hoch. Als wir ihm auch angesichts der letzten steilen Höhenmeter im Büßerschnee unseren Durchhaltewillen signalisierten, strahlte er über beide Backen. Er stieg vor, setzte Eisschrauben und wir "turnten" nach. Endlich geschafft! Der schmale Gipfel bot kaum Platz für und drei. Trotzdem: Glückwünsche, Gipfelphotos, Euphorie, Sieg! Mein erster 6000er! Die Mühen waren vergessen. Sonnenschein! Traumhafter Rundblick und Tiefblick!

Beim Abstieg waren wir gesprächig, entledigten uns in der wärmenden Sonne mancher Hüllen, fotografierten immer wieder begeistert. Noch vor dem Hochlager zog Nebel auf, aus war es mit der Sicht. Als wir unser Zelt dann abbauten, fauchte der Wind gehässig. Wir hatten alle Mühe, nicht mit dem Zelt Gleitschirm zu fliegen. Später auf dem Abstieg zum Zongopaß gab es sogar Sprühregen. Unser Jeep wartete jedoch schon auf uns und wir kamen bald wieder in die Zivilisation.
Es blieb uns nicht mehr viel Zeit vor dem Rückflug. Eine Tagesfahrt in die Yungas beendete unseren Aufenthalt.

Ingrid Paulus, März 1997


Stand: 09.01.2006