Unsere Sponsoren und Partner


ojos01 ojos02
Lager an der Laguna Verde Ojos del Salado, 6893 m

Ojos del Salado - Der eiskalte Vulkan

Er steht mitten in der Wüste und ist doch bitter kalt. Er ist 6893 Meter hoch und doch eisfrei. Der Aufstieg zum Gipfel ist nicht schwierig und doch extrem hart. Der Ojos del Salado in Chile ist der höchste Vulkan der Erde. Der zweithöchste Berg des amerikanischen Kontinents ist nur 60 Meter niedriger als der Aconcagua, 6959 m und hält noch weitere Superlative bereit.
Unsere Reise fängt gut an. Vier Tage vor Abflug wird unser Flug gestrichen. Glücklicherweise kommen wir noch bei Air France unter. Nach einem langen Flug, mit phantastischen Ausblicken auf den Aconcagua, landen wir in der Millionenmetropole Santiago de Chile. Hier bleibt nur Zeit für einen kurzen Cappuccino auf der historischen Plaza de Armas, dann sitzen wir schon wieder im Flugzeug in den wüstenhaften Norden Chiles.

In Calama, einem kleinen Minenarbeiterort, leihen wir uns ein Auto. Mit einem normalen Auto würden wir hier nicht weit kommen. Geländetauglich, Vierradantrieb, mehrere Reservekanister für Benzin und vor allemTrinkwasser und grenzenloses Vertrauen in die Kfz-Technik sind die Voraussetzungen für Fahrten in die Atacama Wüste. Charles Darwin nannte sie die "Wüste aller Wüsten". Sie ist 750 Kilometer lang, liegt auf 4200 m Höhe und sie ist übersät mit Vulkanen. Darunter der höchste der Erde, der Ojos del Salado, ein Fastsiebentausender. Er ist unser Ziel.
Zunächst ist Höhenanpassung angesagt. Das Oasendörfchen San Pedro de Atacama, 2440 m liegt am Rande der Atacama Wüste. Hier endet die befestigte Teerstraße, jetzt geht es nur noch" Off- road" weiter. Einen ersten Eindruck der Straßenverhältnisse erleben wir im "Valle de la Luna", einer bizarren Mondlandschaft, so menschenfeindlich, daß die Nasa hier mit ihren Astronauten die Mondlandung simmulierte.
Ein Akklimationsausflug bringt uns über steinige Feldwege zur Laguna Lejia, einem grünlich schimmernden Salzsee, auf 4300 m Höhe. An seinen salzigen Ufern leben rotschillernde Flamingos. Im Hintergrund stößt der noch aktive Vulkan Lascar, 5600 m, schweflige Giftgaswolken in den Himmel. Wehe, wenn hier der Sprit ausgeht. Tankstellen sind ebenso rar wie andere Autos. Wir fahren hinunter zum "Salar de Atacama", den größten Salzsee Chiles, der dreimal mehr Fläche bedeckt als der Bodensee. Umrahmt wird er von Vulkanen, die alle über 5000 m hoch sind. Darunter der Bilderbuchvulkan Licancabur, 5910 m, den wir
zum Abschluß unseres Akklimatisationsprogramms noch versuchen wollen.

Nachdem wir uns einige Tage an das Prinzip "Climb high, sleep down" gehalten hatten, fühlten wir uns bestens vorbereitet um die Nächte in höheren Regionen zu verbringen. Als Nachmittagsspaziergang besteigen wir zwei unbedeutende Vulkanhügel, immerhin höher als der Mont Blanc. Danach hüpfen wir noch schnell in die heißen Quellen von Puritama, die in einer Schlucht auf einer Höhe von 3600 m entspringen. Obwohl es tagsüber recht heiß ist, zeigt die Wüste nachts ihre kalte Schulter. Das Thermometer fällt unter Null Grad, selbst im Zelt gefriert das Wasser.

ojos03 ojos04
Geysierfeld El Tatio, im Hintergrund Cerro Zoquete, 5350 m Lager in alten Inka-Ruinen am Licancabur, ca. 4500 m

"Geschüttelt, nicht gerührt", ist der Leitspruch für die nächsten 100 km über elende Rippelpisten zu den Geysiren von Tatio in 4300 m Höhe. Wir wandeln zwischen sprudelnden Fontänen, Minigeysiren, Schlamm- und Heißwasserbecken. Das Wasser wird durch oberflächennahes, heißes Magma erhitzt und ist so heiß, daß man die Frühstückseier darin kochen kann. Am spektakulärsten ist die Scenerie, am frühen Morgen, vor Sonnenaufgang, bei 10 Grad minus dampft und brodelt es überall.
Cerro Zoquete, 5350 m hoch heißt unser erster richtiger Gipfel. Der relativ unscheinbare Steinhaufen sieht leichter aus, als er ist. 900 Hm über lose Stein- und Lavafelder. Wir sind heute zu dritt, sozusagen mit "Bergführer". Unser Bergführer hat jedoch vier Beine und eine feuchte Schnauze. Obwohl er nicht größer als ein Dackel ist, kämpft er sich mit uns bis zum Gipfel durch. Sein Honorar ist bescheiden: zwei Wurstscheiben und etwas Mineraldrink. Vom Gipfel bietet sich der einmalige Ausblick in die Bergwelt der chilenischen und bolivianischen Anden. Da es in der Atacamawüste so gut wie keinen Niederschlag hat, gibt es hier auch keine Gletscher.

Unser nächstes Ziel ist der heilige Berg Licancabur. Er erhebt sich sehr eindrucksvoll auf der Grenze zwischen Chile und Bolivien. Ein fast 6000 m hoher Opferberg der Inkas. Der erst vor kurzem verstorbene Extrembergsteiger, Prof. Mathias Rebitsch, hat sich in den 50er und 60er Jahren mit dem Nachweis verdient gemacht, daß ein Andinismus wesentlich älter sein muß als der Alpinismus. Vor 500 Jahren und mehr erstiegen die Ureinwohner der Andenregion eine ganze Reihe von 5000 und 6000 m hohen Bergen, um ihren Naturgöttern zu opfern.
Unser Aufstieg wird zu einer harten Wallfahrt. 1500 Hm von 4500 m bis fast 6000 m sind die technischen Daten. In der Dunkelheit steigen wir in eine steile Schuttrinne. Nur hier sehen wir eine Chance zum Höherkommen. Ansonsten umgibt uns ein Meer von rutschigem Steilschutt. Zwei Schritte vor, einer zurück. Glücklicherweise führt die Rinne direkt zum Gipfel. Belohnt werden wir mit einer außerirdischen Aussicht auf die Laguna Verde und Blanca. Wir sitzen, wie immer alleine, am türkis-grünen Gipfel-Kratersee und sind zufrieden mit unserer bisherigen Leistung. Der Ojos kann kommen.

ojos05 ojos06
Blick auf Tres Cruces und Laguna St. Rosa Im Aufstieg vom BC zum Lager I

In Copiapo, 600 km südlich von San Pedro de Atacama, sind wir mit Dirk Vogel aus Nürnberg verabredet. Wir wollen zusammen zum Ojos. Dirk war jedoch schon 2 Monate Bergsteigen und hat, nach dem er die Mercedario-Ostwand mit Freunden durchsteigen konnte gleich den Aconcagua und den Ojos angehängt. Dirk hilft uns noch beim Beschaffen eines Geländeautos.So ziehen Marga und ich alleine los.
Mit 6893 Meter ist der Ojos del Salado der zweithöchste Berg Südamerikas und der höchste Vulkan der Erde. In Anspielung auf Schnee und Eis am Berg, sowie die vielen Salzseen in der Umgebung bedeutet sein Name: "Die (verschneiten) Augen desSalzigen". Polnische Bergsteiger waren 1937 die ersten am Gipfel. Erst 1956 erfolgte die Zweitbegegenung durch den tiroler Extremalpinisten und Andenforscher Mathias Rebitsch.

Der Ojos ist noch kein "Modeberg". Er liegt im chilenisch -argentinischen Grenzgebiet, 300 km fern aller Zivilisation in der Wüste. Vergleichbar mit andern hohen Bergen in Südamerika bereitet er große logistische Probleme. Besteigungsgenehmigung - Wasser - Benzin - Verpflegung - Kochgas an alles muß gedacht werden. Der Wassermangel und die Tatsache, daß er keine Tankstellen in der Wüste gibt, bilden echte Probleme. Wir verladen daher ca. 120 Liter Wasser, Limo und Cola,100 Liter Benzin, 2 Reservereifen, Werkzeug, Verpflegung und Gas für 10 Tage und unsere ganze Bergausrüstung auf unserem gemieteten Toyota 4x4 Hilux-Pickup.
Einige Kilometer nach Copiapo endet die Zivilisation. Sehr makaber steht ein altes Autowrack, als mahnendes Beispiel, am Anfang der Wüstenpiste. Hoffentlich hält das Auto, nur jetzt keine Panne sind unsere Gedanken. Vorbei an verfallenen Siedlungen und scheuen Vikunias, wilden Alpakas, führt die Piste ins Herz der Atacama Wüste. Obwohl wir schon drei Nächte über 4000 m verbrachten, lassen wir es gemächlich angehen. An der Laguna St. Rosa übernachten wir in einer einsamen Hütte des chilenischen Touristenvereins auf 3700 m.
Selbst am Ende der Welt, wo es nichts gibt, ist die Polizei anwesend. Um zu demonstrieren bis hierher geht mein Sand, dort beginnt deiner. Wir müssen an der Polizeistation unsere Pässe und unsere Genehmigung hinterlegen. Ansonsten schieben die Grenzer hier eine ruhige Kugel. Zum Ojos Basislager auf 5100 m sind es noch 20 km über üble "Off-road" Piste. Wir verbringen noch mal 3 Nächte unter 5000 m. Kurz vor dem Basislager bleiben wir mit unserem Geländeauto noch zweimal im feinen Triebsand stecken. Wir treffen eine internationale Gruppe, völlig desorganisiert, die aufgibt. Keiner der Gruppe hat den Gipfel
erreicht. Sie sind viel zu schnell auf 5100 m gefahren und mußten schon drei akut höhenkranke Teilnehmer abtransportieren. Nur noch zwei Belgier, Philippe und Xavier sind im Basecamp. Ansonsten sind wir alleine am Berg unterwegs.

Jetzt zahlt sich unser langsames akklimatisieren aus. Wir schleppen noch am selben Tag 10 Liter Wasser, Kocher, Verpflegung und Ausrüstung zum Hochlager auf 5700 m. Dann noch ein Ruhetag. Um für alle Fälle noch einen zweiten Gipfelversuch starten zu können, sollte der Erste mißlingen, transportiern wir nochmal 5 Liter Wasser zum Hochlager. Zusammen mit Philippe und Xavier hoffen wir für den nächsten Tag. Noch ist das Wetter stabil. Sorge macht uns nur der ewige, starke Wind.

ojos07 ojos08
Biwakcontainer, Lager 1, ca. 5700 m Im Schneefeld unterhalb der Kraterrands, ca 6400 m

Die Nacht wird lang. Piep - piep -piep um 4 Uhr meldet sich der Wecker. Raus aus dem warmen Schlafsack, rein in die verschiedenen Wärmeschichten, Expeditionsunterhosen doppeltdick, gefütterter Winterhose, Überhose, oben das selbe darüber noch die Daunenjacke,dann Kocher an, das Wasser ist im Kanister gefroren. Es dauert lange bis warmer Tee da ist, noch rein trinken was geht und das obligatorische Müsli würgen, alles läuft eher automatisch als euphorisch ab. Um fünf verlassen wir unseren Tiefkühlkontainer, draußen ist es nochmal um einiges kälter, schon jetzt bläst uns ein eiskalter Wind entgegen.

Trotz Vollmond ist es stockdunkel. Wir stolpern etwas unbebolfen von einem Stein zum anderen, dann immer wieder einige Steinmännchen, zumindestens stimmt die Richtung. Je höher wir kommmen, desto unangenehmer wird der Wind. Doppeltdicke Sturmhaube, doppelte Wollmütze, Daunenkaputze ganz zu, jetztwird nur noch die Nase kalt. Die Messner 30 Grad Minus Handschuhe könnten auch wärmer sein. Kurz nach Sonnenaufgang die erste Pause. Marga hat eiskalte Füße. Trotz Innenschuhe, die laut Werbung bis 40 Grad minus isolieren sollen. Zwei Wärmepackung für die Füße helfen. Bei 6300 m ziehen wir die Steigeisen an und queren in das große, herzförmige Büßerschneefeld. Jeder Schritt nach oben bedeutet für Marga einen neuen Höhenrekord. Der Wind kostet uns die letzten Nerven. Immer wieder müssen wir stehen bleiben und uns aus dem Wind drehen um zu rasten. Nur sehr langsam kommen wir voran.
Für 800 m, 5 Stunden. Noch 400 m bis zum Gipfel vielleicht 3-4 Stunden. Philippe gibt auf 6500 m auf. Wir sind zuweit nach recht abgetriftet und müssen mühsam zurück zur Aufstiegsspur queren. Um 12 Uhr sind wir dann endlich am Kraterrand, 6700 m. Wie ein natürliches Amphietheater liegt der Felsaufbau des Gipfels vor uns. Langsam bin ich mir sicher, wir können es schaffen. 2 Stunden noch, um 2 Uhr am Gipfel, dann nur noch runter. Wir haben noch 6 Stunden Zeit für den Abstieg, auch die Zeitkalkulation stimmt noch. Vom Kraterrand führt eine steile Rinne in eine Scharte zwischen den beiden Gipfeln. Wir treffen Xavier, er kommt gerade vom Gipfel und gibt uns die letzten Tips. Ein ausgesetzter II-er Grat leitet zum Hauptgipfel. Sieben Jahre nach dem ich mit Freunden am Aconcagua war, fast auf den Tag genau, stehe ich nun am Gipfel des zweithöchsten Berges von Amerika.

Wir hatten wieder mal Glück, mit allem, mit dem Wetter, mit unserer Taktik. Wie groß unser Glück war, erfahren wir erst später. Zwei Tage nach uns mußte eine 14-köpfigen Gruppe des Summit-Clubs nach einem Wettersturz, im knietiefen Schnee, auf den Gipfel verzichten. Rund um den Ojos stehen noch eine Unzahl ähnlich hoher Berge. Ein Bergsteigerleben würde nicht ausreichen um alle zu besteigen. Trotzdem zieht es uns an die Küste. Wir haben genug von Kälte ,Wind und Staub.
Eine 800 km Nachtfahrt im Luxusliegebus, mit Abendessen und Frühstück, für 40 Mark, bringt uns auf der Panamerikana zurück nach Santiago de Chile. Unser 4-wöchiger Kreis schließt sich. Wir haben versucht in die "Wüste aller Wüsten" der chilenischen Atacama Wüste unsere, wenn auch unbedeutenden Spuren, zu zeichnen.

A. Dusold, Juni 1996 für Mitteilungen der DAV Sekt. Nürnberg, fürs Internet überarbeitet Juli 2000.

ojos09 ojos10
Kraterrand, ca. 6700 m, im Hintergrund der Gipfelaufbau Gipfelkreuz des Ojos del Salado


Stand: 09.01.2006